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Schriftstellerin Hilary Mantel in London Bild: Picture-Alliance

Trilogie über Thomas Cromwell : Pfoten auf Steinfliesen, tipp-tapp

  • -Aktualisiert am

Mit „Spiegel und Licht“ schließt Hilary Mantel ihre preisgekrönte Tudor-Trilogie ab. Der Roman ist mit neunhundert Seiten so lang wie die beiden vorhergegangenen Bücher zusammen.

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          Der Anfang von Hilary Mantels meisterlicher Trilogie über den Tudor-Staatsmann Thomas Cromwell barg bereits das Ende in sich – nicht nur, weil die Handlung von der Geschichte vorgegeben war. In dem Augenblick, in dem sie zu schreiben begann, wusste Hilary Mantel, dass ihre Version von Cromwells Aufstieg und Niedergang enden würde, wie sie begonnen hatte: mit dem Anblick seines eigenen Blutes und dem Befehl des trunkenen Vaters an den beinahe zu Tode geprügelten Sohn: „Und jetzt steh auf.“ Diese Worte begleiten Thomas Cromwell sein Leben lang. Es ist, wie Hilary Mantel dem Publikum in der Londoner Royal Festival Hall am Tag nach der Veröffentlichung von „The Mirror & the Light“, („Spiegel und Licht“), dem Schlussband der in Deutschland am 20. März erscheinenden Trilogie, erläutert, seine innere Stimme, die ihn ermahnt, sich nicht geschlagen zu geben. Die Worte sind Lesern derart vertraut, dass der Verlag sie mit einer Tudor-Rose vor einem Jahr kommentarlos an eine riesige Plakatwand in Leicester Square anbringen ließ wie ein geheimes Kennwort. Eingeweihte entschlüsselten die Botschaft ohne Mühe. Es war das Signal, dass das Erscheinen des lang ersehnten dritten Bandes herannahe. Er ist mit neunhundert Seiten so lang wie die beiden vorhergegangenen Bücher zusammen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          „Und jetzt steh auf“ klingt in Cromwells Ohren, als er in „Spiegel und Licht“ vierzig Jahre nach der Prügelszene den Kopf auf den Block legt und spürt, wie die Axt seinen Nacken durchtrennt. Als Kopf und Körper schon entzweit sind, versucht er noch ein letztes Mal, dem Vater zu gehorchen. Der Leser begleitet ihn in den Tod hinein, so wie er über drei Bände von insgesamt mehr als zweitausend Seiten hinweg fast jeden Atem- und Gedankensplitter mit ihm geteilt hat. Hilary Mantel hat dieses Finale vor fünfzehn Jahren entworfen, als sie noch nicht wusste, dass sie drei Bücher füllen würde mit dem Leben dieser schillernden Figur, die sich lange dem Zugriff von Biographen entzogen hat. Der erste Band, „Wölfe“, kam im Jahr 2009 zum 500. Jahrestag der Thronbesteigung Heinrichs VIII. heraus.

          Acht Jahre sind vergangen seit der Veröffentlichung des zweiten Bandes, „Falken“. In der Zwischenzeit ging das Gerücht um, Hilary Mantel leide an einer Schreibblockade. Eine Falschmeldung. Sie sagt, sie sei vielmehr „eine Fabrik in ständiger Produktion“ gewesen und verweist auf das mit Cromwells wachsender Macht anschwellende Material. In den letzten vier Jahren zwischen der Hinrichtung Anne Boleyns im Mai 1536 bis zu Thomas Cromwells Enthauptung im Juli 1540, die im dritten Band abgedeckt werden, macht der Master Sekretär „alles in England“, wie Jane Seymour, die dritte Ehefrau des Königs ihrer Schwester erklärt. „Ich habe es nicht verstanden, bis es mir einer der Botschafter erklärt hat. Er wunderte sich, dass ein einzelner Mann so viele Posten und Titel haben kann. Das gab es noch nie. Lord Cromwell ist Regierung und Kirche in einem.“

          Bücher-Podcast
          In der Juli-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Martin Schäuble über die Recherche zu seinem Jugendroman „Sein Reich“, Andreas Platthaus über die Versprechungen des Bücherherbsts – und über Ulrike Almut Sandigs Romandebüt

          Zum Podcast

          Hilary Mantel beruft sich auf den Thatcher-Biographen Charles Moore, der schrieb, die Geschichte des „politischen Mords“ an der Premierministerin verlange ein Poirot-artiges Interesse an Motiven und Beweisen, das ihn zwinge, das Drama Stunde für Stunde zu erzählen. Mit Cromwell sei es ähnlich gewesen. Seit Hilary Mantel das Projekt 2005 in Angriff nahm, ist auch die Digitalisierung fortgeschritten. Durch das Internet habe sie Zugang zu einer unermesslichen Materialfülle bekommen. Sie gesteht, dass die große Masse der Forschungen es nicht einmal in die Nähe des Buches geschafft habe.

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