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Shortlist Deutscher Buchpreis : Herzenssachen

Einer wird gewinnen: die sechs Titel der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020. Bild: vntr.media

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis versammelt ganz unterschiedliche Titel mit einer Gemeinsamkeit: Es sind erkennbar Herzensanliegen. Ein Bestsellerautor ist übriggeblieben, ein Favorit erkennbar.

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          Aus zwanzig mach sechs: Diese Zauberformel wird Spätsommer für Spätsommer von der Jury des Deutschen Buchpreises angewendet, um die im August verkündete Longlist mit zwanzig Romanen auf jene sechs Finalisten zu reduzieren, aus denen dann Mitte Oktober in Frankfurt der Gewinner bestimmt wird. Normalerweise hätten wir hier präzisierend gesagt: „zum Auftakt der Buchmessewoche“. Aber von der bleibt ja in diesem Jahr nicht viel übrig zwischen Buchpreisverkündung am Montag und Friedenspreisverleihung am Sonntag. Immerhin finden beide statt, wenn auch Erstere nur als Livestream.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die sechs Bücher, die im Rennen geblieben sind, lauten wie folgt: Bov Bjergs „Serpentinen“ (Claassen), Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser), Thomas Hettches „Herzfäden“ (Kiepenheuer & Witsch), Deniz Ohdes „Streulicht“ (Suhrkamp), Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos“ (Matthes & Seitz), Christine Wunnickes „Die Dame mit der bemalten Hand“ (Berenberg). Damit ist abermals, wie schon bei der Shortlist, gut gestreut worden. Keine Verlagsdoppelnominierungen, eine gute Mischung aus Prominenten (Bjerg, Hettche), Etablierten (Elmiger, Weber, Wunnicke) und einer Debütantin (Deniz Ohde). Dass es mehr Frauen als Männer sein würden, war angesichts der Qualität der Bücher zu erwarten gewesen.

          Dass Bov Bjerg als Einziger von den beiden nominierte Bestsellerautoren übriggeblieben ist, während Robert Seethalers „Der letzte Satz“ ausschied, ist ein Zeichen, dass die Jury Wagnisse honoriert: „Serpentinen“ ist gegenüber Bjergs Vorgängerroman „Auerhaus“ weitaus unzugänglicher und anspruchsvoller. Die in jeder Hinsicht spannungsvolle Reise eines Vaters mit seinem kleinen Sohn auf der Suche nach der väterlichen Vergangenheit ist psychologisch so dicht, dass man staunen kann. Mit Anne Weber und Christine Wunnicke sind Autorinnen im Rennen, die seit Jahren von der Kritik geliebt, vom Publikum aber noch vernachlässigt werden. Wunnicke hat geradezu ein Abonnement auf Buchpreis-Nominierungen, 2015 und 2017 war sie auch jeweils vertreten, aber auf die Shortlist hat sie es nun zum ersten Mal geschafft. „Die Dame mit der bemalten Hand“ ist eine ebenso verwunschene wie komische historische Phantasie über die Begegnung eines deutschen Forschungsreisenden mit einem orientalischen Astronomen, die beiden Beteiligten die Augen füreinander öffnet. Anne Webers „Annette“ dagegen ist als „Heldinnen-Epos“ ausgewiesen und erzählt von einer französischen Widerstandskämpferin. Beiden Büchern merkt man die tiefe Anteilnahme ihrer Verfasserinnen an den Personen an.

          Deniz Ohdes „Streulicht“ mag man als Überraschung ansehen, aber der Debütroman der jungen Autorin hat mit seinem scharfen Blick auf ein Mädchenkindheit mit migrantischen Wurzeln ein denkbar aktuelles Thema – und die Handlung ist nicht, wie sonst so häufig, in Ostdeutschland angesiedelt, sondern im Rhein-Main-Gebiet. Damit wird auch ein Stück bequemer gesellschaftlicher Normalität als Integrationsmythos in Frage gestellt, aber ohne dass eine Anklageschrift daraus geworden wäre.

          Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ ist dagegen bereits der dritte Roman der Autorin, die sich immens viel Zeit fürs Schreiben nimmt; der Vorgänger, „Schlafgänger“, war 2014 erschienen. Hier wird Ausdauer belohnt – und die hat sich gelohnt, denn der rund um die Welt und quer durch die Zeiten angesiedelte Roman nimmt am Beispiel des karibischen Zuckers das Phänomen der Güterproduktion und Gütergier auf eine Weise kritisch ins Visier, wie man es sich von Sachbüchern wünschte. Nur eben hier auch virtuos erzählt.

          Lauter starke Titel also, dazu ganz unterschiedliche mit der einen Gemeinsamkeit: Es sind erkennbar Herzensanliegen. Als Favoriten auf den Buchpreis aber darf man Thomas Hettche bezeichnen. Nicht weil er das Herz bereits im Titel trägt, oder deshalb nur, weil auch er bereits eine längere Nominierungsgeschichte beim Buchpreis hat – sein neues Buch „Herzfäden“ ist als „Roman der Augsburger Puppenkiste“, wie der Untertitel lautet, auch ein Generationenphänomen. Wobei die diesjährige Buchpreis-Jury im Schnitt jung genug ist, um nicht nostalgischen Erwägungen nachgegeben zu haben. Schon das zeigt, dass man mit Hettches Buch am 12. Oktober rechnen muss, wenn aus den sechs Titel der Shortlist der diesjährige Buchpreisgewinner gekürt wird.

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