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Helge Malchow : Die geheimste Lektüre des Bücherfrühlings

Der Bücherdurchsetzer: Helge Malchow gibt sein Amt als Kiepenheuer-Verleger auf und geht in den Ruhestand. Bild: Picture-Alliance

Ein Sohn von Republikflüchtlingen, vom DDR-Spitzel verraten, als Deutschlehrer immer auf Kriegsfuß mit dem Kanon: Helge Malchow, scheidender Verleger von Kiepenheuer & Witsch, erzählt aus seinem Leben.

          Sie rissen ihm den Lesestoff aus der Hand. Dabei entsprachen die beiden Herren, konservativ eingestellte Staatsdiener, gar nicht dem Sozialprofil des Publikums, für das Helge Malchow, damals Lektor und noch bis zum letzten Tag dieses Jahres Geschäftsführer des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch, 37 Jahre lang Programm gemacht hat. Die beiden von Lesehunger überwältigten Beamten nahmen Malchow allerdings auch keine Bücher ab und zahlten nichts. Zwei Leitz-Ordner mit Verlagskorrespondenz konfiszierten die Volkspolizisten, die ihn während seiner Rückreise von der Leipziger Buchmesse aus dem Zug geholt hatten. Dieses Kapitel der Autobiographie, die Helge Malchow nach eigenem Bekunden nicht schreiben möchte, erzählte er jetzt an einem Gesprächsabend, mit dem ihn das Kölner Literaturhaus zum Abschied ehrte, der Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          1985 veröffentlichte Malchows Verlag eine Anthologie neuer Literatur aus der DDR, herausgegeben von Sascha Anderson und Elke Erb. Anderson wurde später als Spitzel enttarnt. „Er hatte alle verraten, blöderweise auch mich.“ Der 1950 auf einem Bauernhof geborene Malchow und seine Eltern waren Republikflüchtlinge gewesen, die vor dem Mauerbau aus Brandenburg an den Niederrhein zogen. Die zwei Tage Haft unter den Augen eines Honecker-Porträts gingen glimpflich ab – weil der Festgenommene seine Bewacher richtig einschätzte und ihnen sogleich das abgeheftete Schriftgut aus seinem Gepäck präsentierte. Wer hat nicht schon erlebt, dass man im Leseeifer alles stehen und liegen lässt? Die Grenzordnungshüter vergaßen, Malchows Koffer zu durchwühlen.

          Die surreale Welt des Kalten Krieges

          Unentdeckt blieb das Notizheft, das die für das Geschäft des Verlags mit der DDR-Literatur eigentlich wertvollen Informationen enthielt: Aufzeichnungen von Gesprächen mit Autoren der neuen Opposition vom Prenzlauer Berg, die nicht mehr wie die Generation Wolf Biermanns marxistisch argumentierte, sondern sich aus dem politischen Diskurs verabschiedet hatte und daher für die Staatsmacht besonders rätselhaft und gefährlich war. Malchows Gesprächspartnerin Katja Lange-Müller etwa hätte bei staatlichem Mitlesen des Heftchens große Schwierigkeiten bekommen können. Ebenso ihr Lektor, von Seiten seiner Autorin: „Die hätte mich links und rechts verprügelt.“

          Diese Vignette aus der surrealen Welt des späten Kalten Krieges hatte man wohl metaphorisch zu verstehen, ebenso wie Malchows Charakteristik des 1967 verstorbenen Verlagsgründers Johann Caspar Witsch, dessen Schwiegersohn Reinhold Neven DuMont ihn einstellte: „Witsch war ein Antikommunist, dem das Blut seiner Feinde aus dem Mund lief.“ Nach Witschs Tod soll sich die Anmutung des Verlagsprogramms „plötzlich“ geändert haben, „stilbildend“ wurde Günter Wallraff. So konnte in die Institution Kiepenheuer & Witsch ein Mann einmarschieren, der von sich sagt, dass er von der Achtundsechziger-Bewegung sozialisiert worden sei und noch heute hinter dem Protest gegen Notstandsgesetze und Nachrüstung stehe. 1969 nahm Malchow sein Studium an der Universität Köln auf, die in einem Akt eingreifender Fiktion in Rosa-Luxemburg-Universität umbenannt worden war. Fünf Jahre lang arbeitete er als Deutschlehrer; als zeitweiliges Mitglied der DKP hätte er auch ein Fall für den Radikalenerlass werden können.

          Gegen den Widerstand dieser Zeitung

          In der Schule störte er sich am Kanon – aber nicht, weil es vorgeschriebene Bücher gab, sondern weil Bürokraten die Vorschriften gemacht hatten. So hatte er, wie er mit der wuchtigen Selbstironie seiner rheinischen Zweitheimat bekannte, „die großkotzige Idee“, sich selbst auf die Suche nach Autoren zu machen, welche „die Lehrbücher von Schulen und Universitäten bevölkern“ sollten. In Gestalt von Christian Kracht sei ihm diese Durchsetzung eines auch im curricularen Sinne kanonischen Autors gelungen, in seiner Sicht gegen den Widerstand auch dieser Zeitung.

          Krachts Roman „1979“ erschien unmittelbar nach dem 11. September 2001 – einer der glücklichen Zufälle, die im Buchverlagsgewerbe den Tüchtigen belohnen. Der Islamismus ist für Malchow „eine neue totalitäre Gefahr, mit der wir alle zu tun haben“. Indem er Sachbücher zur Warnung vor dieser Gefahr verlegt, stellt er sich auch im Namen linker Selbstkritik in die Tradition des alten Witsch, der kein Rechter gewesen sei: Autorinnen wie Alice Schwarzer läuft beim Gedanken an ihre Feinde das Wasser im Mund zusammen.

          Malchow quittierte den Schuldienst, weil er „nicht nur als Vollzugsbeamter tätig sein“ wollte. In seine Geistesgegenwart in jener Konfrontation in der Zelle spielte wohl Mitleid mit den Vollzugsbeamten hinein, denen er die langweiligste Lektüre des Bücherfrühlings andrehte. Die Akten dokumentierten geheime Geschäftsvorgänge, hatte er zu Protokoll gegeben. „Ich bin nicht befugt, Ihnen auch nur ein Blatt zu zeigen.“ Der Trick, den man vom Prominentenbuchmarkt („Das Geheimnis meiner Millionen“) kennt, funktionierte: Es genügte, das Etikett „geheim“ auf die Aktendeckel zu kleben, um den Inhalt unwiderstehlich zu machen. Johann Caspar Witsch, Kölner Sachwalter des von der CIA finanzierten Kongresses für kulturelle Freiheit, wäre stolz gewesen auf den jungen Mann und dessen Händchen fürs Guerrilla-Marketing.

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