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Streitgespräch : Jüdische Autorin trifft auf Neonazi-Aussteigerin

Heidi Benneckenstein und Deborah Feldman im Gespräch in Frankfurt Bild: Frank Röth

Holocaustleugner erzogen Heidi Benneckenstein, Holocaustüberlebende Deborah Feldman. Die ungleichen Frauen haben über ihr Leben geschrieben. Ein Gespräch über Hitler und Rechtsextremismus, das Tagebuch der Anne Frank und die deutsche Schuld.

          Das deutsche Mädchen träumte von Krieg und von Amerikanern. Das jüdische von Auschwitz und Nazis. Die Albträume träumten sie nicht in einer Zeit, als Hitler aus Volksempfängern geschrien hat. Die Träume, Ängste sind nicht so alt, die Mädchen inzwischen erwachsen, sie sind junge Frauen.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie sitzen in einem großen, leeren Saal in Frankfurt. Sehr viele Stühle und kein Mensch. Dennoch kaum Luft, die Anspannung der Frauen füllt diesen Raum. Und Scham. Heidi Benneckenstein schämt sich, schreibt sie in ihrem Buch „Ein deutsches Mädchen“, es ist ein Memoir. Am Anfang schämt sie sich auch im Gespräch. Denn sie war Nazi, geboren in der elitären Naziszene in Bayern. Glatzen und Springerstiefel gab es in ihrer Kindheit nicht, nur Dirndl und verbotene Filme, Musik, Bücher und Ferienlager – alles war naziideologisch. Heidi Benneckenstein hat dieses Leben verlassen. Ausstieg mit 19. Das war vor sechs Jahren.

          Deborah Feldman wurde von Überlebenden des Holocausts erzogen. Von Opfern, nicht Tätern und Leugnern. Sie wuchs bei ihren Großeltern in New York auf, in Williamsburg, in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde, die sich abschottet, dogmatisch Religion auslegt. In Büchern – „Unorthodox“ und „Überbitten“ – erzählt Feldman von ihrem Leben, das Verbote beherrschten und eine Ehe, sie war arrangiert. Da war sie 17 Jahre alt. Dann nahm Deborah Feldman ihren Sohn und fuhr in ein neues Leben, zuerst Manhattan, jetzt Kreuzberg. Ausstieg mit 23. Das war vor acht Jahren.

          Frau Benneckenstein, was war das Erste, was Sie über Juden gehört haben?

          Benneckenstein: Deborah, es tut mir leid, dass ich dich jetzt damit konfrontieren muss...

          Feldman: Ich werde dir auch unangenehme Dinge sagen müssen.

          Benneckenstein: Meine Großmutter sagte zum Beispiel oft über Menschen: „Der hat eine große Nase, das ist ein Jude.“ Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich „Jud Süß“ gesehen habe, und so wie im Film, so waren die Juden für uns.

          Frau Feldman, Ihre Großmutter dagegen war ein Opfer. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

          Feldman: Ich denke darüber nach, dass meine Großmutter niemals schlecht über irgendwen gesprochen hat, und wie bemerkenswert das ist, bei ihrer Lebenssituation. Seltsam nun, von jemandem zu hören, dass man von seiner Großmutter beigebracht bekommen kann zu hassen.

          Frau Benneckenstein, Sie schreiben, dass Ihre Gemeinschaft Ihnen als Kind Trost gegeben hat. Wie?

          Benneckenstein: Ich war ja in dieser ganz elitären kleinen Gemeinschaft, dem Umfeld der „Heimattreuen Deutschen Jugend“, dieser rechtsextremen Jugendorganisation. Diese Leute waren wie eine erweiterte Familie. Und obwohl dort viele Ängste geschürt worden sind – vor Amerikanern, Juden, sonst wem –, glaubte ich damals: Wir haben alles verstanden, wir sind die, die etwas bewahren, wir gehören zusammen, wir bekämpfen das Böse.

          Frau Feldman, waren die Deutschen das Böse für Sie?

          Feldman: Man muss sich vorstellen, dass in der Gemeinde, aus der ich komme, fremde Völker im Grunde so angesehen werden, dass sie einem Zweck Gottes dienen, und dieser Zweck lautet, sie sind auf der Welt, um uns Juden das Leben zu erschweren. Und somit ist die Frage insgesamt komplizierter: Die Deutschen werden als von Gott gesandt verstanden. Sie verfolgten die Juden, weil Gott es so wollte. Denn der Holocaust war seine Strafe und Mahnung, weil Juden nicht gläubig genug gelebt hatten, sich assimilierten. Insofern waren die Deutschen immer nur Werkzeug, nur dass sie in ihrer Funktion boshafter waren, blutrünstiger, grausamer. Als Täter waren sie die schaurigsten Marionetten eines zürnenden Gottes. Zieht man Gott aus dem Bild ab, bleibt ein furchtbarer Täter zurück, den man von außen gesehen ganz anders interpretieren muss.

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