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Hanser-Verleger Jo Lendle im Gespräch : Mehr Frauen, weniger Krimis, junge Stimmen

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Im Buch stecken sehr alte und extrem wirksame Verfahren von Unterhaltung und Unterweisung. Sie stammen aus vorschriftlicher Zeit, als Erzählen und Wissensvermittlung noch nicht getrennt waren. Nicht zuletzt diese Ahnenreihe verleiht dem Buch seinen Wert. Heute ist „Buch“ ein Teekesselchen: ein Gegenstand und das, was er mit uns macht. So kostbar mir Ersteres ist, am Ende ist Letzteres der Grund, warum ich mein Leben mit Büchern verbringe. Der Gegenstandscharakter ist großartig, aber kein Selbstzweck. Wenn wir es auf seine Haptik reduzieren, wird das Buch irgendwann kleinlaut, wie Vinyl für Vinylfetischisten. Seine Stärke liegt in dem, was es auslöst. Ein Buch ist die Differenz zwischen meinem Leben vor der Lektüre und danach. Und Bücher sind mächtig wie eh und je. Die großen Diskussionen gehen fast immer von Büchern aus, da können die Talkshows reden, so viel sie wollen. Und bei allem Jammern: Der Buchmarkt macht in Deutschland so viel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, fast zehn Milliarden Euro im Jahr.

Wie sehen Sie die Rolle des Verlegers?

Das Büchermachen hat viel mit der Arbeit eines Försters zu tun. Man schaut über große Zeiträume, man redet heute über ein Buch, das in fünf Jahren erscheint. Bücher erfordern Verbindlichkeit. Nach Carl Hanser gab es hier bis heute noch zwei literarische Verleger. Das sagt für ein 1928 gegründetes Haus viel aus über Kontinuität. Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht, die Zeiten werden unruhiger - auch wenn sie das schon immer wurden. Aber es ist hilfreich, in solchen Zeiträumen denken zu können. Und im Verlag einer Familie zu arbeiten, die nicht auf Quartalszahlen stiert, sondern ein Bewusstsein dafür hat, dass zum Gesicht des Verlages auch über den Tag hinaus denkende Bücher gehören, an denen man länger etwas zum Kauen hat.

Die berühmte Mischkalkulation - ein paar ambitionierte Lyriktitel ohne große Auflage, der dringend benötigte Bestseller und das große Mittelfeld - ist die irgendwie planbar?

Im Einzelfall nicht, aber es gibt Erfahrungen. Verlage gehen nicht an ihren Lyrikbänden zugrunde. Die lassen sich erfreulich genau planen, da weiß man, wie viel man verliert. Verlage gehen pleite, wenn sie ihren gesamten Einsatz in ein Buch investieren, das später niemanden interessiert.

Sie haben zwei Kinder, die noch zur Schule gehen. Lässt sich das mit der Aufgabe eines Verlegers denn vereinbaren?

Also bitte! Verleger müssen an die Zukunft denken. Ich gehöre glücklicherweise einer Generation an, die sich zutraut zu erleben, dass beides geht. Die Kinder bereichern mich ungeheuer. In Büchern geht es nicht zuletzt um Menschen, da hilft es, auf vielfältige Erlebnisse zurückgreifen zu können. Das müssen nicht zwingend Kinder sein, aber Erlebnisse hat man mit ihnen schon.

Berühmte Verleger haben bisweilen vertuscht, wie gut sie in Wahrheit rechnen können. Ist das etwas, dass Ihnen liegt?

Und wie: Leistungskurs Mathematik und Physik. Jahrelang verleugnet, aber am Ende ist es doch zu etwas gut.

Als Abkömmling aus Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim - wird der Kuss der Muse hierzulande überschätzt?

Ich glaube an den Kuss der Muse. Aber man kann Techniken entwickeln, die Muse auf sich aufmerksam zu machen. Zum Schreiben gehören bestimmte Lektionen: ins Räderwerk eines Buches schauen, um zu verstehen, wie es gemacht ist, sich in einem Roman nicht mit der Zuschauerseite begnügen, sondern die Aufhängung des Bühnenbildes studieren. Das kann man gut allein machen, anregender ist es im Gespräch.

Sie sind wie Ihr Vorgänger Autor und Verleger. War das Aufnahmekriterium?

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