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Günther-Anders-Preis : Kritik in Trümmern

Der Philosoph Günther Anders (1902 – 1992) Mitte der sechziger Jahre in Wien Bild: Picture-Alliance

Nur eine Kritik, die weiß, dass sie Literatur ist, hat Luft zum Atmen. Nur ein Denken, das an der Form arbeitet, wird bestehen. Lektionen aus einer Relektüre von Günther Anders. Eine Dankesrede.

          Im Jahr 1945 schreibt Günther Anders in New York über Europa: „Eine verwüstete Stadt oder einen zertrümmerten Stadtteil oder eine zerschlagene Straße oder ein geborstenes Haus, wenn auch nur ein einziges, sollte man als Denkmal aufbewahren. Damit jedermann an jedem Tag weiter vor Augen sehe, wer was wem angetan. Und damit niemand vergesse.“ Fast zehn Jahre später notiert Anders in Köln: „Dass ich mir bei Kriegsende viele Illusionen gemacht habe, glaube ich nicht. Und doch: Wie hoffnungslos illusionistisch meine damalige ,Hoffnung‘ auf ein Ruinendenkmal gewesen war.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt glaubt er nicht mehr, dass Menschen von Ruinen lernen könnten, sondern fragt sich: „Hatten sie denn im Augenblick der Katastrophe begriffen, was ihnen geschah? Hatten sie denn in den Schlägen, als diese fielen, die Hand des wahren Schlägers gespürt? Und, als sie klagten, ihn angeklagt, ihn und sich selbst?“ Die Antwort findet er in ethischer Reflexion: „Vermutlich war das nicht möglich. Und ist niemandem möglich. Und ist mehr, als was von Menschen verlangt werden darf.“ So folgert er: „Wenn Moral darin besteht, dass man nicht nur ‚unmittelbar‘ erlebt, sondern im Unmittelbaren das Vermittelte, nicht nur die Sache, sondern in ihr die Ursache, also auch die eigene Schuld – dann ist Moralismus vermutlich etwas, was nur aus der Entfernung möglich ist.“

          Ein anderer Name für diese Entfernung lautet „Denken“. Das ist, wie Peter Harness und Steven Moffat geschrieben haben, „just a fancy word for changing your mind“. Wer denkt, gelangt von einer Ansicht zu einer anderen. Das heißt nicht, dass man immer denken (und nie handeln) sollte, oder dass jede Meinung der Änderung bedarf (manche Meinungen sind ja richtig). Günther Anders hat das Denken nie als Ausrede benutzt, sich vor Streit zu drücken. Ein Buch zu seinen Ehren heißt „Günther Anders kontrovers“, und wer Anders gelesen hat, weiß, dass das ein guter, aber auch tautologischer Titel ist, etwa wie „Heavy Metal ganz laut“ oder „Ein Horrorfilm zum Gruseln“. Was der sozialen Form nach „kontrovers“ ist, nennt man mit Blick auf den Inhalt gern „kritisch“. Ich möchte uns ersparen, in der Etymologie der Wörter „Kritik“ und „kritisch“ herumzuheideggern, und stattdessen von den Wortbedeutungen ausgehen, die diesen Ausdrücken heute auf der Straße und im Internet zugemessen werden. Da versteht man unter Kritik zweierlei: 1.) argumentförmige Aggression („Kritik ist, wenn man auf wen eine Wut hat“, Karl Kraus) und 2.) Reden und Schreiben über Filme, Bücher, Musik, Theorien und so weiter (wie in: „Hast du schon die Kritik gelesen?“).

          Kritik als Streit

          Kritik als Streit, Punkt eins, befindet sich derzeit in Schwierigkeiten. Kaum sagt oder schreibt man irgendwo etwas Abstraktes oder Allgemeines, um den Affektfeuerwerken zu entgehen, die jede sogenannte Debatte verhunzen, schon reagiert jemand mit einem Bekenntnis zur Subjektivität: „bei mir ist das nicht so“, „ich habe das anders erlebt“. Wenn man dem widerspricht (zum Beispiel, weil sich viele dieser Bekenntnisse bei genauerem Hinsehen selbst widersprechen), hat man die Figur persönlich angegriffen.

          Die zweite eben genannte, derzeit ebenfalls krisenbeschädigte Bedeutung von „Kritik“, die Urteile über Kulturtatsachen meint, verdient wohl noch viel mehr Skepsis als sie von denen, die traditionellen Kritikplattformen nicht mehr trauen, eh schon abkriegt, vor allem aber: intelligentere. Man sollte zugeben, dass die Form „jemand urteilt öffentlich über Kultur“ gerade dann, wenn man nicht einfach Punkte vergeben will, dazu verführt, den Gegenständen untreu zu werden und ihnen ohnehin gehegte Lieblingsideen aufzupfropfen. Das passiert selbst den Allergrößten im Fach, bei denen Kritik schon in Philosophie übergeht. So hat Theodor W. Adorno, wie dem Philologen Jan Philip Reemtsma aufgefallen ist, eine Wendung über Sprache, die sich in lyrischen Dichtungen der stummen, kreatürlichen Naturexistenz annähert, nahezu wortgleich einmal auf Paul Celan und einmal auf Goethe gemünzt. Da schwerlich zwei Arten des Dichtens weiter voneinander entfernt sein können als die von Celan und die von Goethe, ist der Lyrik hier offensichtlich die Sorte Unrecht geschehen, zu der das Drüberschreiben und Drüberreden selbst die Klügsten verführt.

          „Die molussische Katakombe“

          Wer heute einen Beruf hat, der mit den beiden genannten Kritikauffassungen wirtschaftet, muss, heißt es überall, unbedingt tweeten, demnächst dann auch bellen, auf einem Bein hüpfen oder kräftig stinken. Sonst wird man nämlich nicht mehr wahrgenommen; das wäre schlimmer als der Tod. Im Netz geht’s besonders dumm zu, aber selbst im universitären Betrieb, zumal dem geistes- und sozialwissenschaftlichen, steht’s nicht viel besser. Das Modell der Uni ist längst nicht mehr die platonische Akademie, sondern eine Art Slavoj-Žižek-Gesamtschule für steile Thesen und originelle Typen.

          Man mag gegen dumme oder böse Arbeitszusammenhänge wacker die eigene Denklinie halten. Das hat zum Beispiel der berühmte Abbé Meslier getan, der als Funktionär der Kirche eine Christentumskritik schrieb, die er der Menschheit testamentarisch vermachte. Das hat auch Alfred Sohn-Rethel getan, als er beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag Material über die deutsche ökonomische Großraumpolitik sammelte. Und das hat Ulrike Meinhof getan, als sie 1969 in ihrer Eigenschaft als Kolumnistin bei „Konkret“ eine Kolumne gegen das Kolumnenwesen und die Zurichtung denkender Menschen zu Meinungsmaschinen für den linksliberalen Kanzelbetrieb geschrieben hat. Die besten Texte dieser drei Menschen sagen allerdings auch, was jeder Sachtext sagt: „So ist das.“ Sie sprechen nicht „aus der Entfernung“, die Günther Anders als Voraussetzung moralischer Reflexion erkannte. Eine Sachaussage hat keinen Abstand zu sich. Das ändert sich selbst dann nicht, wenn man über einen Text, der aus Propositionen besteht, „Essay“ schreibt, also: Versuch. Gegen die eingebaute Selbstdistanzlosigkeit solcher Texte hilft nur die Besinnung auf Form und die Arbeit mit ihr. Kritik, die weiß, dass sie Literatur ist, hat Luft zum Atmen, jede andere erstickt an Rechthaberei.

          So eine literarisch bewusste Kritik darf sich ihrer Cousinen Fiktion und Spekulation nicht schämen. Eine kritische Dichtung wie „Die molussische Katakombe“ von Günther Anders etwa ist schon rein formal – als Dialogroman aus Gesprächen, die nie stattgefunden haben, und so wie dort erzählt, nie stattfinden könnten – eine Widerrede sowohl gegen die verbohrte Subjektivität wie gegen Rechthaberei als flache, rein stofflich bestimmte Objektivitätsgeste.

          Potential der Science-Fiction

          Dieses wertvolle Buch spielt tief unten im Kerker: zwei Gefangene reden abgeschieden vom Normalfall, sie leiden Lebenspech, aber genießen Gesprächsglück. „Sonderbar“, sagt Yegussa, „sind die Gespräche mit dir. Sie haben Fortgang. Sie haben einen natürlichen Schluss. Da oben war das niemals der Fall.“ Das Szenario ist fiktiv, spekulativ, phantastisch und zugleich realistisch, kurz, es hat alle Attribute, die auch Science-Fiction hat.

          Im Internet schrieb neulich ein Kritiker über die Science-Fiction, ihr politisches Potential bestünde darin, dass diese Literatursorte Welten erfinde, die der vorhandenen Welt widersprächen, sozusagen Gegenwelten. Mein Einwand dagegen ist einer, auf den Sie vielleicht schon gewartet haben: Bei mir ist das nicht so. Ich habe das anders erlebt. Mir ist beim Lesen und Schreiben von Science-Fiction egal, ob die Welten, die das Genre entwirft, der vorhandenen Welt widersprechen oder ihr beipflichten. Wichtig dagegen ist mir, dass ich an diese Welten der Kunst nicht glauben muss (an die Wirklichkeit dagegen dringend). Das ästhetische wie das politische Potential der Science-Fiction besteht nicht im Mahnen, Warnen oder Träumen, sondern darin, dass dieses Genre Sätze sagt, die man weder für gelogen, noch für Irrtümer, noch für wahr halten muss, um sie zu verstehen.

          Umfangreich, persönlich und essayistisch

          Ganz so subjektiv, wie die Redensarten „bei mir ist das nicht so“ und „ich habe das anders erlebt“ nahelegen, ist die Sache freilich nicht: Beim Arbeiten mit Science-Fiction an Hochschulen für Theaterwissenschaften und Verwandtes durfte ich in den letzten Jahren von Jüngeren viel darüber lernen, wie die Freiheitsgrade des Genres aussehen. Es ist ein Buch daraus geworden, umfangreich, persönlich und essayistisch, noch nicht ganz fertig, bislang ohne Vertrag und Verlag. Keinen anderen Text habe ich je lieber und mit mehr Mühe geschrieben: Forschung ins Offene. Man will eben nicht immer nur hinschreiben, was man schon zu wissen glaubt – man möchte ja auch keine Bibliothek voller Bücher haben, die man schon gelesen hat. So eine Bibliothek wäre eine Ruine.

          Bei Günther Anders, dem Dichter, steht in der „molussischen Katakombe“ eine Antwort an Günther Anders, den Denker der Ruine als Mahnmal: „Es wird Menschen geben, die auf den Trümmern ihrer Häuser weiterleben werden, als wäre nichts geschehen.“

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