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Günther-Anders-Preis : Kritik in Trümmern

„Die molussische Katakombe“

Wer heute einen Beruf hat, der mit den beiden genannten Kritikauffassungen wirtschaftet, muss, heißt es überall, unbedingt tweeten, demnächst dann auch bellen, auf einem Bein hüpfen oder kräftig stinken. Sonst wird man nämlich nicht mehr wahrgenommen; das wäre schlimmer als der Tod. Im Netz geht’s besonders dumm zu, aber selbst im universitären Betrieb, zumal dem geistes- und sozialwissenschaftlichen, steht’s nicht viel besser. Das Modell der Uni ist längst nicht mehr die platonische Akademie, sondern eine Art Slavoj-Žižek-Gesamtschule für steile Thesen und originelle Typen.

Man mag gegen dumme oder böse Arbeitszusammenhänge wacker die eigene Denklinie halten. Das hat zum Beispiel der berühmte Abbé Meslier getan, der als Funktionär der Kirche eine Christentumskritik schrieb, die er der Menschheit testamentarisch vermachte. Das hat auch Alfred Sohn-Rethel getan, als er beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag Material über die deutsche ökonomische Großraumpolitik sammelte. Und das hat Ulrike Meinhof getan, als sie 1969 in ihrer Eigenschaft als Kolumnistin bei „Konkret“ eine Kolumne gegen das Kolumnenwesen und die Zurichtung denkender Menschen zu Meinungsmaschinen für den linksliberalen Kanzelbetrieb geschrieben hat. Die besten Texte dieser drei Menschen sagen allerdings auch, was jeder Sachtext sagt: „So ist das.“ Sie sprechen nicht „aus der Entfernung“, die Günther Anders als Voraussetzung moralischer Reflexion erkannte. Eine Sachaussage hat keinen Abstand zu sich. Das ändert sich selbst dann nicht, wenn man über einen Text, der aus Propositionen besteht, „Essay“ schreibt, also: Versuch. Gegen die eingebaute Selbstdistanzlosigkeit solcher Texte hilft nur die Besinnung auf Form und die Arbeit mit ihr. Kritik, die weiß, dass sie Literatur ist, hat Luft zum Atmen, jede andere erstickt an Rechthaberei.

So eine literarisch bewusste Kritik darf sich ihrer Cousinen Fiktion und Spekulation nicht schämen. Eine kritische Dichtung wie „Die molussische Katakombe“ von Günther Anders etwa ist schon rein formal – als Dialogroman aus Gesprächen, die nie stattgefunden haben, und so wie dort erzählt, nie stattfinden könnten – eine Widerrede sowohl gegen die verbohrte Subjektivität wie gegen Rechthaberei als flache, rein stofflich bestimmte Objektivitätsgeste.

Potential der Science-Fiction

Dieses wertvolle Buch spielt tief unten im Kerker: zwei Gefangene reden abgeschieden vom Normalfall, sie leiden Lebenspech, aber genießen Gesprächsglück. „Sonderbar“, sagt Yegussa, „sind die Gespräche mit dir. Sie haben Fortgang. Sie haben einen natürlichen Schluss. Da oben war das niemals der Fall.“ Das Szenario ist fiktiv, spekulativ, phantastisch und zugleich realistisch, kurz, es hat alle Attribute, die auch Science-Fiction hat.

Im Internet schrieb neulich ein Kritiker über die Science-Fiction, ihr politisches Potential bestünde darin, dass diese Literatursorte Welten erfinde, die der vorhandenen Welt widersprächen, sozusagen Gegenwelten. Mein Einwand dagegen ist einer, auf den Sie vielleicht schon gewartet haben: Bei mir ist das nicht so. Ich habe das anders erlebt. Mir ist beim Lesen und Schreiben von Science-Fiction egal, ob die Welten, die das Genre entwirft, der vorhandenen Welt widersprechen oder ihr beipflichten. Wichtig dagegen ist mir, dass ich an diese Welten der Kunst nicht glauben muss (an die Wirklichkeit dagegen dringend). Das ästhetische wie das politische Potential der Science-Fiction besteht nicht im Mahnen, Warnen oder Träumen, sondern darin, dass dieses Genre Sätze sagt, die man weder für gelogen, noch für Irrtümer, noch für wahr halten muss, um sie zu verstehen.

Umfangreich, persönlich und essayistisch

Ganz so subjektiv, wie die Redensarten „bei mir ist das nicht so“ und „ich habe das anders erlebt“ nahelegen, ist die Sache freilich nicht: Beim Arbeiten mit Science-Fiction an Hochschulen für Theaterwissenschaften und Verwandtes durfte ich in den letzten Jahren von Jüngeren viel darüber lernen, wie die Freiheitsgrade des Genres aussehen. Es ist ein Buch daraus geworden, umfangreich, persönlich und essayistisch, noch nicht ganz fertig, bislang ohne Vertrag und Verlag. Keinen anderen Text habe ich je lieber und mit mehr Mühe geschrieben: Forschung ins Offene. Man will eben nicht immer nur hinschreiben, was man schon zu wissen glaubt – man möchte ja auch keine Bibliothek voller Bücher haben, die man schon gelesen hat. So eine Bibliothek wäre eine Ruine.

Bei Günther Anders, dem Dichter, steht in der „molussischen Katakombe“ eine Antwort an Günther Anders, den Denker der Ruine als Mahnmal: „Es wird Menschen geben, die auf den Trümmern ihrer Häuser weiterleben werden, als wäre nichts geschehen.“

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