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Goldschmidt und Stach über Kafka : Was Kafka am Radschlagen liebte

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Goldschmidt: Hätte man ihn retten können?

Stach: Eine Frau vielleicht. Die Literatur nicht.

Goldschmidt: Und doch immer wieder diese Schärfe, diese Sparsamkeit, das Wort, das sich nie verirrt. Das hat mich bestimmt beeinflusst, wie Beckett auch. Kafka hat mein ganzes Leben mitgestaltet wie sonst nur Jean-Jacques Rousseau und vor allem „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz. Dieses Buch ist doch sehr nahe an Kafka, oder?

Stach: Moritz und Kafka gehören jedenfalls eher zusammen als Kafka und Goethe. Den „Anton Reiser“ hat er ganz gewiss gekannt, er verschlang ja alles Autobiographische.

Goldschmidt: Tatsächlich? „Anton Reiser“ ist für mich das absolute Buch. Ich lese es gerade zum sechsten Mal. Es erzählt genau mein Leben. Und das in einem Deutsch, bei dem man an Kafka denkt: diese Genauigkeit, mit der jeder Satz trifft, wie in eine Zielscheibe.

Stach: Was ich Sie als Erzähler fragen muss: Wie schreibt man im Schatten Kafkas? Er selbst hat sich angesichts Goethes gefragt, ob dessen Übermacht nicht die Entwicklung der deutschen Sprache gehemmt habe. Ist das heute nach Kafka nicht ähnlich?

Goldschmidt: Nein, im Gegenteil! Mich stört das gar nicht. Er ist ein Ansporn.

Stach: Obwohl Kafka gegenüber uns allen doch um Klassen besser ist?

Goldschmidt: Er ist nicht um Klassen besser, er ist seine eigene Klasse. Es ist so: Kafka ist wie eine Versicherung, eine literarische Unfallversicherung. Die hat man im Rücken, als eine Schreibgarantie. Er ist also eher Schutz als Schatten.

Stach: Verstehe ich das recht: Wenn eine so singuläre Figur wie Kafka vor mir gezeigt hat, was Sprache leisten kann, dann ist das, was ich heute als Autor versuche, grundsätzlich sinnvoll. Eine solche Art der Rückversicherung würde mir einleuchten.

Goldschmidt: Und es kommt noch etwas dazu. Die Kraft des Schreibens setzt sich durch. Das hat Kafka auch bewiesen.

Stach: Ich würde sagen, Kafka hat so geschrieben, wie andere atmen.

Goldschmidt: Und je mehr man von ihm liest, das ist zumindest meine Erfahrung, desto weniger irrt man sich.

Stach: Lesen Sie nun eigentlich Biographien? Ich muss diese Frage noch einmal stellen, denn man braucht bei einem Vorhaben wie meinem eine Rechtfertigung. Immerhin stecken achtzehn Jahre meines Lebens in diesen drei Büchern.

Goldschmidt: Sie haben das wunderbare Porträt einer Zeit geschrieben, und die Hauptfigur ist Kafka. Machen Sie sich bloß keine Gedanken!

Stach: Das muss ich aber. Weil ich nach so langer Zeit Gefahr laufe, betriebsblind zu werden. Ist es sinnvoll, was ich da tue? Und was mich immer wieder beschäftigt: dass die Texte Kafkas ihre immense Wirkung auch dann entfalten, wenn die Leser über sein Leben kaum etwas wissen. Zum Beispiel in Asien, wo Kafka unglaublich populär, mancherorts sogar Schulstoff ist, aber niemand seine Welt kennt. Muss da überhaupt noch eine Biographie sein?

Goldschmidt: Ich verstehe, dass das für Sie eine Beunruhigung ist. Sie haben das Gefühl, dass Sie neben der Sache herlaufen. Aber das macht das Buch ja erst so schön: dass man die Umgebung von Kafka kennenlernt. Und die Entstehung seines Schreibens. Nicht sein Schreiben selbst, dafür muss man ihn selbst lesen. Kafka kommt ohne Sie aus. Aber wir nicht mehr.

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