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Goldschmidt und Stach über Kafka : Was Kafka am Radschlagen liebte

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Goldschmidt: Ich habe nicht gelesen, was Brod über Kafka geschrieben hat. Aber mir ist schon als kleinem Studenten niemals eingefallen, Kafka religiöses Denken zu unterstellen. Damit hat er nichts zu tun. Kafka steht vielmehr für die Abschaffung des religiösen Denkens.

Stach: Es gibt heute noch Autoren, die das Gegenteil behaupten. Zum Beispiel Sibylle Lewitscharoff. Bei einer Kafka-Woche, die ich kürzlich in Berlin kuratiert habe, behauptete sie, bei Kafka sei permanent eine metaphysische Hintergrundstrahlung spürbar.

Goldschmidt: O Gott, furchtbar! Es gibt keinen Hintergrund bei Kafka. Der Satz sagt, was er sagt, und nicht anderes. Kafkas Mechanik ist derart perfekt.

Stach: Er benutzt natürlich Motive und Erzählmodelle aus der jüdischen Überlieferung. Eine besondere Art von Paradoxa zum Beispiel. Aber genau über das, was wir gerade bereden, muss es auch zwischen Brod und Kafka Streitgespräche gegeben haben. Eines hat Brod überliefert, bei dem er Kafka vorgehalten habe: „Nach dem, was du da sagst, gibt es ja gar keine Hoffnung!“ Und darauf habe Kafka ihm geantwortet: „Doch, es gibt unendlich viel Hoffnung. Aber nicht für uns.“

Goldschmidt: Genau so ist es. Das lernt man ja auch aus Ihrer Biographie. Angesichts dieses dicken Buchs hatte ich mich gefragt: Wie kannst du Herrn Stach überhaupt empfangen? Ich selbst schreibe ja so kurz. Kurze Texte sind für mich das Äquivalent zu treffsicheren Schüssen: wie auf Zielscheiben, die man rasch aufmalt. Mein Vater, ein Gerichtsrat, hat gemalt, aus Theresienstadt sind Zeichnungen von ihm erhalten, und ich wollte später Maler werden, hatte aber nicht die Pinke dafür. Da bin ich dann Gymnasiallehrer geworden, habe zu schreiben begonnen, und irgendwann hat ein befreundeter Verleger mich um eine Übersetzung des „Prozess“ gebeten, weil die bisherige französische Ausgabe völlig unzureichend war. Das war ein Traum für mich, weil mir Kafka so nahesteht. Das habe ich bei der Lektüre Ihrer Biographie wieder gemerkt. Mich beeindruckt dieses Unwohlsein, das er als Schüler mitschleppte. Da besteht eine Parallelität zu dem, was er schreibt. Und die machen Sie klar, indem Sie von Kafkas Schulzeit erzählen, ohne je sein Werk zu interpretieren.

Stach: Ich habe mich stattdessen entschlossen, die Erinnerungen seiner Mitschüler heranzuziehen. Es ist unglaublich, wie sie später, mit dreißig, vierzig Jahren Abstand, dieses Schulsystem verherrlicht haben. Dabei war es barbarisch.

Goldschmidt: Das war es. Wir wurden in der Schule noch gezüchtigt, für zehn Übersetzungsfehler bekam man so und so viele Schläge. Und meine Situation im Internat war derart unmöglich, dass ich mich schon gar nicht konzentrieren konnte. Ich wurde viel geschlagen. Das hat meine Faszination für dieses erstaunliche fünfte Kapitel im „Prozess“ geweckt, die Szene mit den Prüglern. Die ist doch höchst zweideutig. Woher kommt das? Wurde Kafka als Knabe geschlagen?

Stach: Offenbar nicht.

Goldschmidt: Wie kommt er dann auf diese Phantasie?

Stach: Er wurde häufig damit bedroht. Das reicht bei Kindern schon.

Goldschmidt: Es muss ungeheuer wichtig für ihn gewesen sein.

Stach: Er empfand maßlose Angst. Angst und Scham.

Goldschmidt: Es gibt auch sehr viele Folterszenen im Werk.

Stach: Denken Sie an die Versicherungsfälle, mit denen er als Angestellter konfrontiert war. Das muss man sich mal vorstellen: Im Büro beschäftigt er sich mit Maschinen, die Menschen verstümmeln, und was macht er zu Hause? Er bringt das auf eine literarische Ebene und wiederholt es. Dabei waren für ihn Beruf und sein nächtlichen Schreiben unvereinbare Welten.

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