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Goldschmidt und Stach über Kafka : Was Kafka am Radschlagen liebte

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Stach: Das sollte eigentlich meine erste Frage an Sie werden. Aber Sie lesen zumindest so etwas Biographisches gern?

Goldschmidt: Ich muss Ihnen gestehen, dass ich eigentlich nie etwas über Kafka gelesen habe. Nur immer ihn selbst. Das Werk kenne ich, aber sein Leben kaum.

Stach: Wobei es zum Werk ja viel Sekundärliteratur gibt, zum Leben dagegen bislang kaum etwas Größeres. Dafür Tausende von Aufsätzen. Gut so: Ich hätte das alles niemals allein recherchieren können. Wenn ich als Biograph nicht die Vorarbeit von Hartmut Binder * gehabt hätte, wären es einige Jahre Arbeit mehr geworden.

Goldschmidt: Es ist ungeheuer, was Sie erzählen. Man versteht, wie aus Kafkas Leben seine Schriften entstanden sind. Aber es hätte auch genauso verlaufen können, wenn er nicht geschrieben hätte.

Stach: Durchaus, das verhält sich niemals kausal. Das ist ein häufiger Irrtum in der Kafka-Forschung. Hier sieht man das biographische Detail a, dort das Detail b im Werk, strukturähnlich, wortlautähnlich - also müsste das eine doch die Ursache des anderen sein. Das ist natürlich Unsinn, so funktioniert Literatur niemals.

Goldschmidt: Ich habe den „Prozess“ und „Das Schloss“ ins Französische übersetzt, und irgendwann bin ich auf Roland Reuß getroffen, der damals gerade seine Faksimile-Kafka-Ausgabe bei Stroemfeld herausbrachte. Der fand es unmöglich, dass ich für meine Übersetzung die normale deutsche Taschenbuchausgabe zugrunde gelegt hatte. Außerdem verstand er nicht, dass ich den „Prozess“ mit „z“ schrieb und nicht mit „c“.

Stach: Der running gag der Kafka-Forschung. Aber haben Sie die Edition, die Herr Reuß vom „Prozess“ gemacht hat, überhaupt einmal gesehen?

Goldschmidt: Nein.

Stach: Sie werden Ihren Augen nicht trauen. Da bekommen Sie einen Pappschuber, in dem sich lauter unnumerierte Hefte befinden, die Sie in der Reihenfolge vertauschen können, wie Sie wollen. Warum? Weil Kafka seine Hefte nicht numeriert hat, also dürfen wir das auch nicht.

Goldschmidt: Das kann doch jeder lesen, wie er will.

Stach: Natürlich, so ist es gemeint. Ein schöner Luxus. Aber der Streit um die richtige Edition ist ein Nebenschauplatz. Übrigens wissen wir auch, dass im „Prozess“ Kapitel fehlen.

Goldschmidt: Ja, aber so wie das Buch ist, ist es ungeheuer, eine Gewalttat.

Stach: Das Unglaubliche an dem Roman ist, dass man seinen Fragmentcharakter gar nicht bemerkt. Nur aus winzigen Anspielungen kann man erschließen, dass Kafka noch weitere Kapitel geplant hatte.

Goldschmidt: Das Problem hat Max Brod als Herausgeber gut gelöst.

Stach: Brods Rolle sehe ich kritisch. Es gibt Lesarten von Kafka, die alle Türen öffnen, und es gibt solche, die alle Türen schließen. Dazu gehört die von Max Brod, der Kafka religiös gedeutet sehen wollte. Dass er aber gar nicht verstanden hat, worum es Kafka wirklich ging, zeigt Brods spätere Einschätzung von Samuel Becketts Werk. Als Beckett in den fünfziger und sechziger Jahren populär wurde, hieß es immer wieder: Das ist ja wie bei Kafka! Nur Brod verwahrte sich dagegen: Mit diesem nihilistischen Zeug habe Kafka nichts zu tun. Er hat nicht erkannt, dass Beckett Kafkas Erbe war.

Goldschmidt: Ich bin ganz Ihrer Meinung.

Stach: Kafka war ja nicht schulbildend, aber er hat zumindest diesen einen Erben gehabt. Das hat Brod völlig verkannt. Er hat auch Kafka verkannt, und das wollte ich doch noch einmal betonen, weil Sie eben sagten, jede Lesart Kafkas sei legitim. Die von Brod ist es nicht.

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