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Urfassung „Wilhelm Meister“ : Bieterstreit bis zum Duell

  • -Aktualisiert am

So stachelt man Verleger zum Bieterwettstreit an: Telegramm Adolf Kaegis an den Insel-Verleger Anton Kippenberg. Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Als 1910 der Erstdruck der Urfassung von Goethes „Wilhelm Meister“ auftaucht, entbrennt ein erbitterter Verlegerwettstreit. Ein Krimi um Publikationsrecht und symbolisches Kapital.

          Im Dezember 1909 zeigte der Sohn des Züricher Arztes Heinrich Denzler seinem Lehrer ein Manuskript und fragte, „ob es ein Autogramm Goethes oder sonst irgendwie von Bedeutung“ sei. Der Lehrer, mit Namen Gustav Billeter, nahm das Konvolut mit nach Hause. Da es sich nicht um Goethes Handschrift handelte und der Text eine irgendwie kontaminierte Abschrift von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu sein schien, blieb der Papierstapel erst einmal liegen. Wochen später erkannte der Pädagoge: Es muss sich um die verschollen geglaubte erste Fassung des Romans handeln, nämlich um „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“. Die Schreiberin war eine Schweizer Freundin Goethes, Barbara Schulthess. Damit war der zuvor scheinbar wertlose Papierstapel zum Sensationsfund geworden. Nach der Entdeckung des „Urfaust“ durch Erich Schmidt im Jahr 1887 war kein Manuskript mit vergleichbarer Bedeutung in Deutschland aufgetaucht.

          In den folgenden Wochen und Monaten sollte es komplizierte Verhandlungen über die Veräußerung des Publikationsrechts und den Verkauf der Handschrift selbst geben. Beteiligt waren neben den Besitzern der Handschrift die wichtigsten Verleger Deutschlands wie Adolf von Kröner (Cotta), Eugen Diederichs oder Anton Kippenberg (Insel), große Institutionen wie das Goethe- und Schiller-Archiv Weimar oder die Stadtbibliothek Zürich, die Erben von Goethe und ihre Vertreter und natürlich Rechtsanwälte.

          Eigentümer? Fehlanzeige!

          Nachdem Denzler erfuhr, welchen Schatz sein Schreibtisch geborgen hatte, ließ er dem Lehrer Billeter offenbar erst einmal freie Hand. Dieser wandte sich an den in der Schweiz tätigen Germanisten Harry Maync mit der Frage, ob er diesen Text herausgeben wolle. Maync beantwortet diese Anfrage natürlich positiv. Zugleich wandte sich Billeter an den Züricher Verlag Rascher & Cie. Dieser druckte eine Broschüre mit Auszügen aus der „Theatralischen Sendung“ und einer Einleitung von Billeter.

          Verlage wie Cotta und Insel hatten bereits aufgrund von Zeitungsberichten und der Ankündigung des Teildruckes bei den Schweizern nach der Möglichkeit der Publikation des ganzen Werks gefragt. Kurz darauf trafen in sechs deutschen Verlagen gleichlautende Briefe von Adolf Kaegi, dem Schwager von Denzler, ein. Diese Post, geschrieben am 9. März, erhielten unter anderen Cotta, Insel, Diederichs, der Tempel-Verlag – eine Verlagsgemeinschaft um Carl Poeschel – und Paul Cassirer. In dem Schreiben forderten die Schweizer zu Offerten auf, um das Werk vollständig zu veröffentlichen. Kaegi bot dem jeweiligen Verlag das „alleinige Publikationsrecht des ,Urmeister‘ auf die ,zehn gebundenen Jahre‘“ an und berief sich dabei auf den Paragraphen 29 des Urheberrechts von 1901. Denzler hatte dem Gesetz zufolge einigen Grund, sich als Eigentümer des Werks im Besitz des Urheberrechts zu sehen. Das aber war eine Täuschung, wie sich herausstellen sollte.

          „Konkurrieren Sie hiemit?“

          Aus Verlagsperspektive ist natürlich der mehrjährige Schutz gegen Nachdrucke entscheidend. Cotta schlug in seinem ersten Angebot vom 11. März für die ersten beiden Auflagen von je 2500 Exemplaren ein Honorar von 3500 Mark vor, vorausgesetzt, der Urheberschutz gelte auf zehn Jahre. Explizit orientierte sich Cotta dabei an einer Gottfried-Keller-Ausgabe, die zu denselben Konditionen erscheine. Ganz anders reagierte Kippenberg: Er telegraphierte am 10. März, dass er am nächsten Morgen mit dem Nachtzug in Zürich sein werde und um ein Gespräch bitte.

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