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Gespräch mit dem syrischen Dichter Adonis : Syrien ist von innen und außen umzingelt

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Wie kann ich auf der Seite der heutigen Revolution sein? Die Frage ist doch, was hat sie für ein politisches Programm? Anfangs verlief die Revolution für Freiheit und Demokratie friedlich. Heute ist sie voller Gewalt. Sie ist eine bewaffnete Revolte geworden. Viele Söldner aus den unterschiedlichsten islamischen Ländern befinden sich in den Reihen der Revolutionäre. Qatar, Saudi-Arabien und Amerika bewaffnen sie. Dies ist keine Revolution. Sie besteht bloß aus einzelnen rebellischen Gruppen, die nur das Regime stürzen wollen. Wie kann ich so etwas unterstützen?

Welche Rolle spielt der Westen in der syrischen Krise?

Der Westen verhält sich in dieser Angelegenheit geradezu wie ein Unwissender. Obwohl es ihm an Experten und Beratern nicht mangelt, tragen diese nicht unbedingt zur Aufklärung bei. Sie liefern oberflächliche Informationen. Ich spreche hier vom Bereich Politik. Viele westliche Intellektuelle sind politisch gut informiert, doch treffen sie keine politischen Entscheidungen. Außerdem begegnet der Westen den Arabern und dem Islam - überwiegend in politischen, aber auch in kulturellen Fragen - nicht gerade mit Respekt. Heute befindet sich der Westen in einer wirtschaftlichen Krise. Und der größte Teil der arabischen Welt ist reich. Also wird der Westen alles daransetzen, um seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen, auch wenn er damit gegen seine kulturellen Errungenschaften, demokratische Prinzipien und Menschenrechte verstößt.

Eine politische Lösung ist bis jetzt nicht erreicht worden. Warum?

Es gibt sowohl externe als auch interne Kräfte, die eine politische Lösung ablehnen. Deshalb eskaliert die Gewalt im Land. Die Ersten, die eine politische Lösung ablehnen, sind die Revolutionäre selbst. Sie werden mit Geldern mancher Staaten unterstützt, die kein Interesse daran haben, die Gewalt in Syrien zu beenden. Manche externe Kräfte möchten, dass die syrische Gesellschaft zerstört und das Land durch die Erschöpfung seiner menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen geschwächt wird. Einige Staaten fordern sogar ein militärisches Eingreifen in Syrien, um es zu schwächen. Denn nur ein schwaches und geteiltes Land kann keine Vorbedingungen am Verhandlungstisch stellen. Es muss akzeptieren, was andere vorschreiben.

Heißt das, es besteht die Option, Syrien in mehrere Länder aufzuteilen?

Alles ist möglich. Das hängt von der Rolle der Weltmächte in Syrien ab.

Einige westliche Länder drohen der Führung mit militärischem Eingreifen.

Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Syrien ist ein kompliziertes Gefüge: Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei möchten unter dem Vorwand eines moderaten Islam die Länder von Marokko bis Pakistan unter sunnitische Herrschaft bringen. So würde eine neue einheitliche Zone, die sich vom Mittelmeer über den Kaukasus bis zur russischen Grenze erstreckt, entstehen. Dies hat einerseits eine Isolation Russlands zur Folge, andererseits verhindert es schiitische Einflüsse. Außerdem könnten Muslime in Russland instrumentalisiert werden. Dasselbe gilt auch für Muslime in China. Abgesehen davon, verteidigen Russland und China eigene Interessen in Syrien. Deswegen ist der Konflikt so kompliziert. An Syrien grenzen die Türkei, das Mittelmeer, der Libanon, Israel, Jordanien und der Irak. Man gelangt unmittelbar in die kurdischen Gebiete. Auch Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Iran in Richtung Zentralasien, Ägypten in Richtung Afrika und Zypern und Griechenland in Richtung Europa sind nicht weit. Sollte es zu einem militärischen Eingreifen kommen, würde Syrien möglicherweise in die Hände der Dschihadisten fallen. Die Herrschenden würden Einfluss auf das gesamte Gebiet nehmen. Möchte der Westen das wirklich in Kauf nehmen? Ich glaube nicht.

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