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Gespräch mit dem syrischen Dichter Adonis : Syrien ist von innen und außen umzingelt

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Hat die arabische Gesellschaft in ihrer Geschichte je eine Demokratie erlebt?

Nein. Wir Araber drehen uns seit 1500 Jahren im Kreis. Unser Hauptanliegen in diesen fünfzehn Jahrhunderten ist es, politische Macht zu erlangen, ohne die gesellschaftlichen Veränderungen in Richtung Fortschritt zu berücksichtigen. Es geht um ein Austauschen von Machtpersonen an oberster Stelle und nicht um Veränderungen im Wesentlichen. Niemand versucht, die Gesellschaft zu verändern. Niemand sucht nach Wegen, um die Entwicklungen in der Kultur und in der Gesellschaft zu verbessern. Niemand sucht nach Möglichkeiten, wie man aus dem arabischen einen modernen Menschen machen kann.

Ist der sogenannte arabische Frühling nicht der Anfang einer Demokratisierung der Gesellschaft?

Eventuell könnten wir durch den Wandel eine Regierung bekommen, die weniger brutal wäre als das vorherige Regime oder bloß ein geringeres Übel darstellen würde. Deswegen betone ich, dass es keine Demokratie geben kann mit einem System, das auf Religion basiert.

Die syrische Opposition fordert Freiheit und Demokratie. Einige unter ihnen bringen die Idee der Zivilgesellschaft in ihren Debatten ein. Könnte das nicht der Baustein sein, auf dem sich eine zivile moderne Gesellschaft gründen lässt?

Dieses Gerede, das in der arabischen Gesellschaft in Umlauf ist, hat keine Bedeutung. Die neuen Befreier haben bis jetzt in ihren politischen Programmen den Begriff „Laizismus“ nicht einmal erwähnt. Was ist das für eine Revolution, die Angst vor einem einzigen Wort hat?

In einer Erklärung der syrischen Muslim-Bruderschaft hieß es, die Wahlurnen würden entscheiden, wer das Land auf demokratischer Basis regieren wird. Wie glaubwürdig ist das?

Gar nicht. Würden sie akzeptieren, dass ein Christ in Syrien Präsident wird? Würden sie in Ägypten einen Kopten als Präsidenten akzeptieren? Nein, weil in ihren Köpfen immer noch das Dogma vorherrscht, die Gesellschaft in religiöse Mehrheit und Minderheiten zu teilen.

Aber in der Demokratie darf sich jede Partei zur Wahl stellen.

Ich bin für freie Wahlen, und ich respektiere die Demokratie. Meine Stimme werde ich abgeben, aber natürlich gegen die Muslim-Bruderschaft. Ich bin strikt gegen ihre Einflussnahme in der Politik. Leider sind in einigen Fällen demokratische Wahlen keine Lösung, weil auch eine Mehrheit tyrannisch sein kann, auch wenn sie durch freie Wahlen politische Macht errungen hat, siehe Hitler.

Wo stehen die syrischen Christen und andere religiöse Gruppen in der Revolution? Ihnen wird unterstellt, Unterstützer des Assad-Regimes zu sein.

Ich bin gegen diese Behauptungen. Außerdem, wenn sie an der Revolution teilnehmen sollten, dann doch als Bürger des Landes und nicht als Christen. Aber die Verantwortung dafür liegt auch im Verhalten der Beteiligten selbst, seien es Christen, Alawiten, Drusen oder andere. Gerade sie sollten diese Aufteilung in beispielsweise muslimische und christliche Revolutionäre ablehnen. Die Christen sollten im Nationalrat oder in der Nationalen Koalition als Repräsentanten des syrischen Volkes und nicht als Vertreter der Christen in Erscheinung treten. Die Aufforderung, sich als religiöse Minderheit an der Revolution zu beteiligen, ist doch schon - de facto - eine Diskriminierung.

Haben arabische Intellektuelle beim Umbruch überhaupt eine Rolle gespielt?

Natürlich. Das, was in Syrien und in den anderen arabischen Ländern geschieht, ist durch Ideen, durch Wünsche und Vorstellungen eines besseren Lebens entstanden. Diese Ideen sprießen doch nicht plötzlich aus dem Nichts. Viele arabische Schriftsteller und Intellektuelle haben sich für Freiheit und Demokratie ausgesprochen. Ihnen ist zu verdanken, dass überhaupt eine politisch motivierte Bewegung ihren Lauf genommen hat.

Warum sind Sie nicht auf der Seite der Revolution?

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