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Norwegischer Literaturkritiker : „Wirklichkeitsliteratur ist ein idiotischer Begriff“

  • -Aktualisiert am

Bernhard Ellefsen ist Kritiker bei der norwegischen Wochenzeitung „Morgenbladet“. Bild: Anna-Julia Granberg/Blunderbuss

Auf der Buchmesse wird in diesem Jahr viel von Norwegen die Rede sein. Von welchen Büchern und Autoren redet ein norwegischer Kritiker? Fragen an Bernhard Ellefsen von der Wochenzeitung „Morgenbladet“.

          6 Min.

          Herr Ellefsen, wenn Sie einen typisch norwegischen Schriftsteller von heute beschreiben müssten: Wie sähe dieser Mann oder diese Frau aus?

          Schwere Frage, ich halte unsere Szene ja für äußerst lebendig und bunt. Der typisch norwegische Schriftsteller von heute sähe sich wohl in der Nachfolge Knut Hamsuns, dessen Einfluss über hundert Jahre nach seinen größten Romanen noch immer zu spüren ist. Er hätte ein ausgeprägtes Selbstverständnis als norwegischer Schriftsteller. Und er würde recht wiedererkennbare, realistische Prosa schreiben, also eher nichts Postmodernes. Der Roman dieses „typisch norwegischen Schriftstellers von heute“ würde dabei wahrscheinlich auch autobiographische Elemente enthalten.

          Das ist ein Ergebnis des Rummels um Karl Ove Knausgård, oder begann das schon vorher?

          Es begann schon vorher. Als der erste Band von „Min Kamp“, wie es auf Norwegisch heißt, im Jahre 2009 erschien, glaubten viele von uns sogar, die Welle selbstbiographischer Literatur in Norwegen wäre bereits vorbei. Alles schien gemacht. Aber das war ja dann, wie sich herausstellte, falsch. Auch die zehn Jahre, die auf Knausgård folgten, standen noch stark im Zeichen der Autofiktion.

          An welche Schriftsteller oder Romane vor Knausgård denken Sie?

          Ich würde da vor allem Dag Solstads Roman „16.07.41“ aus dem Jahr 2002 nennen. Der Titel ist Solstads Geburtsdatum. Er war rein qualitätsmäßig unter den autobiographischen Romanen vor Knausgård der beste. Heftig diskutiert wurden kurz darauf Nikolaj Frobenius’ Roman „Theorie und Praxis“, der von einer Jugend in Bærum bei Oslo erzählte, und Hanne Ørstaviks „Woche 43“. Eine Freundin Ørstaviks erkannte sich damals in dem Roman wieder und schrieb wütend darüber in der wichtigen Kulturzeitschrift „Samtiden“. Alles vor Knausgård. Alles lange vor der Erfindung dieses furchtbaren Begriffs „Wirklichkeitsliteratur“.

          Sie mögen den Begriff nicht.

          Der Begriff ist idiotisch. Das selbstbiographische Element, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Wahrheit und Erfindung in der Romankunst, ist natürlich ein interessantes und wichtiges Thema, und wir haben darüber auch viel im Rahmen der Bücher Knausgårds gesprochen ...

          ... aber?

          Der Begriff „Wirklichkeitsliteratur“ wurde erst 2016 geprägt, in einer Rezension zu Vigdis Hjorths Roman „Bergljots Familie“. Er ist vor allem in medialen Debatten verwendet worden, die sich mit ethischen Fragen autobiographischer Romane beschäftigen. Hjorth erzählte in dem Roman die Story einer Frau, die als kleines Kind von ihrem Vater missbraucht wurde. Viele Elemente legen nahe, dass es eine autobiographische Geschichte ist. „Aftenposten“ machte deshalb eine Art Faktencheck – mit einem Ergebnis, das meines Erachtens ziemlich sensationslüstern, aber nicht sonderlich aufschlussreich war: Ja, wir erfuhren, dass das im Roman beschriebene Begräbnis der Beerdigung von Hjorths Vater ähnelt. Dieses Wissen hilft uns aber nicht bei der tieferen Auseinandersetzung mit dem, wovon der Roman handelt: Schuld, Erinnerungen und Trauma. Das meiste von dem, was an Hjorths Roman (auf den ihre Schwester mit einem Gegenroman antwortete) oder auch Knausgårds Romanen interessant ist, verliert sich, wenn man sie unter dem Schlagwort „Wirklichkeitsliteratur“ liest.

          Wenn Sie sagen, dass die vergangenen zwei Jahrzehnte von Büchern mit autobiographischen Elementen geprägt wurden: Gibt es dann gar keine politischen Bücher?

          Der politische Roman als solcher – der explizit politische Roman – nimmt in der Gegenwart derzeit nicht gerade den breitesten Platz ein. Aber die norwegische Literatur ist nicht apolitisch. Ich denke da sofort an Geir Gulliksens Roman „Der zwanzigste Tag“ von 2009, in dem es um eine Ehe, aber auch darum geht, wie alle Teile des Gesellschaftslebens bis hin zur Sexualität von einer Managementsprache und dem Zwang zur Optimierung durchdrungen werden. Das ist natürlich etwas anderes als ein sozialrealistischer Romane, wie er in den Siebzigern populär war. Aber genau so kann heute ein politischer Roman aussehen.

          Wo finden die literarischen Debatten in Norwegen statt?

          In den Zeitungen, und sie debattieren sehr gerne. Außerdem gibt es Literaturzeitschriften wie „Vinduet“ oder „Vagant“. Eine besonders heftige Debatte entzündete sich nach der Verleihung des Ibsen-Preises 2014 an Peter Handke. Wir sind einwohnermäßig ein kleines Land, deshalb haben wir auch nur ein kleines literarisches Milieu, aber am Beispiel Handke lässt sich erkennen, wie hoch die Temperatur bei Debatten sein kann. Ein anderes Beispiel ist der bereits erwähnte Klassiker Knut Hamsun – auch in dieser endlosen Debatte über sein Verhältnis zum Nationalsozialismus ist die Temperatur sehr hoch.

          Melden sich norwegische Schriftsteller mit Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen zu Wort? Zu Themen wie Einwanderung, Terror oder Europäische Union?

          Das kommt vor. Aber nicht so oft. Früher – ich meine im neunzehnten Jahrhundert – gab es in Norwegen etwas, das der Historiker Ernst Sars „Poetokratie“ nannte: die Rolle der Schriftsteller im öffentlichen Leben des Nordens war sehr wichtig, so blieb es auch noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, und in den Siebzigern waren die Autoren ebenfalls sehr engagiert. Heute ist das anders, auch wenn es Dinge gibt wie neulich „Forfatternes klimaaksjon“, also die „Klima-Aktion der Schriftsteller“.

          Die autobiographische Welle, von der Sie sprachen: Ist die in Norwegen denn jetzt vorbei?

          Das ist keine Welle, sondern ein literarischer Raum, zu dem die Türen weit offen stehen – es ist eine Möglichkeit des Schreibens, die Autoren zur Verfügung stehen. Romane zu schreiben, und sie ist heute verbreitet, ohne dass das Selbstbiographische an sich heute noch stark diskutiert wird. Ich glaube, dass diese Entwicklungsline der norwegischen Gegenwartsliteratur unsere Literatur vitaler, besser und wichtiger für den Leser gemacht hat.

          Norwegen ist ein wohlhabendes Land mit hohem Lebensstandard. Was können ausländische Leser von norwegischen Romanen lernen?

          Als Knausgård herauskam, dachte ich: Großartige Literatur, aber das wird im Ausland niemanden interessieren. Das Ganze schien viel zu stark verwoben mit unserer sozialdemokratischen Kultur und dem Egalitarismus, um für das Ausland interessant zu sein. Mit dieser Auffassung war ich nicht allein.

          War sein kometenhafter Aufstieg für die übrigen norwegischen Autoren ein Segen – oder ein Fluch, weil er andere Autoren überdeckte?

          Es gab schon vor Knausgård international erfolgreiche norwegische Romane wie Per Pettersons „Pferde stehlen“, so dass die Tür in die englischsprachige Welt einen Spalt offen stand. Die explosionsartige Begeisterung für sein Werk hilft nun anderen Literaten. Dass die „New York Times“ Kurzgeschichten von Gunnhild Øyehaug feiert – diese Art Aufmerksamkeit wäre nicht möglich ohne das Grundgefühl, dass in der norwegischen Gegenwartsliteratur „etwas passiert“. Und Knausgård scheint auch unter Schriftstellerkollegen ein sehr starkes Standing zu haben. Er hat seinen Erfolg nicht zuletzt zur Gründung eines eigenen Verlages genutzt, der selbst schmale Bücher verlegt.

          Was sind denn die Schwächen der norwegischen Literatur von heute? Darüber spricht man in einem Buchmesse-Jahr als Norweger vielleicht nicht unbedingt.

          Die Natur fehlt. Die norwegische Literatur ist über die Jahrzehnte sehr urban geworden, und selbst wenn die Natur darin vorkommt, fühlt man doch, dass die Beschreibung aus urbaner Sicht verfasst wurde. Angesichts der Katastrophe, vor der wir stehen, ist das ein Mangel. Er verwundert mich.

          Naja, Maja Lundes Buch über die „Geschichte der Bienen“ war doch mehr als erfolgreich.

          Lunde finde ich nicht interessant. Ihre Art, über Natur zu schreiben, ist zu sehr von Forschung getrieben. Und sie hat nicht das recht enge Verhältnis zur Naturerfahrung, die norwegische Literatur – wie Hamsun – früher hatte. Das geht mir nicht genug in die Tiefe.

          Sie mögen keine Unterhaltungsliteratur?

          Ach, ich mag sehr viele Bücher nicht (lacht). Viele Leser lieben zum Beispiel Lars Saabye Christensen, Ingvar Ambjörnsen oder Roy Jacobsen – das ist gute Unterhaltungsliteratur, aber nicht so mein Fall.

          Wie schaut es mit deutscher Literatur auf Norwegisch aus?

          Das ist ein trauriges Kapitel. Schriftsteller wie Juli Zeh können zwar auch auf Norwegisch gelesen werden. Aber bei der Übersetzung von Hochliteratur ins Norwegische passiert vergleichsweise wenig, was an der starken Kommerzialisierung der Buchbranche liegt. Ich mochte besonders Jenny Erpenbeck und die Lyrik Jan Wagners, und ich habe gesehen, dass der Österreicher Robert Seethaler gute Kritiken bekam. Aber den habe ich noch nicht gelesen. Viel Aufmerksamkeit bekam außerdem eine Hermann-Ungar-Ausgabe.

          Hochwertige norwegische Schriftsteller scheinen sich trotz der Kommerzialisierung halten zu können.

          Ja, dafür sorgt unter anderem der norwegische Staat. Er nimmt den Verlagen fast achthundert Exemplare eines jeden Romans ab, um sie in den Bibliotheken des Landes zu verteilen. Allerdings hat auch der Staat in den letzten Jahren stark zur Kommerzialisierung des Buchhandels beigetragen. Die Buchpreisbindung gilt nach der Veröffentlichung eines Buches nur noch für eine begrenzte Zeit.

          Worüber redet das literarische Norwegen aktuell?

          Über den neuen und vermutlich letzten Roman von Dag Solstad. Ein neuer Solstad ist in Norwegen immer eine gigantische Begebenheit, und die meisten Besprechungen zu „Der dritte, und letzte, Roman über Björn Hansen“ waren wahnsinnig positiv, ja panegyrisch; meine Kritik gehörte zu den wenigen, die nicht ganz so schwärmerisch waren. Außerdem ist gerade ein neuer Jon Fosse erschienen. Und wenn Sie nach politischen Romanen fragen: Kjartan Fløgstad hat einen Roman voller Sprengstoff vorgelegt, er beginnt mit der Flucht von Norwegens berüchtigstem Terroristen aus dem Gefängnis, führt aber auch zurück in die Besatzungs- und Nachkriegszeit. Recht gespannt bin ich außerdem auf den ebenfalls angekündigten neuen Jan Kjærstad. Die Bücher, die er nach der Jahrtausendwende schrieb, waren ziemlich holprig, aber „Berge“ vorletztes Jahr war ein eindrucksvolles Comeback.

          Das sind große Namen. Und von den Romanen, die Sie im Laufe dieses Gesprächs vorher erwähnten, sind etliche selbst im Buchmessejahr noch nicht auf Deutsch erhältlich – was wahrscheinlich daran liegt, das Heimat- und Auslandsmarkt zwei verschiedene Dinge sind. Was wären junge Namen, bei denen wir unbedingt auf eine baldige Übersetzung ins Deutsche hoffen sollten?

          Vielleicht die Namen der letzten beiden Preisträger des Tarjej-Vesaas-Debütantenpreises: Der eine von ihnen heißt Lars Svisdal, und er erzählt vom Sommer auf einer Berghütte. Der andere ist Zeshan Shakar. Shakar hat mit „Tante Ulrikes Weg“ 2017 den „großen norwegischen Einwanderer-Roman“ geschrieben, auf den Leser und Kritiker lange gewartet haben, über zwei Immigranten der zweiten Generation – mit einem smarten und starken ironischen Twist.

          Jetzt haben wir gar nicht von norwegischen Krimis gesprochen, fällt uns gerade auf.

          Das ist auch gut so.

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