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Das letzte Buch der DDR : „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen“

  • -Aktualisiert am

Christian Ewald beim Schreiben mit einer seiner Börsenfedern Bild: privat

Die letzte Publikation eines Landes, veröffentlicht eine Minute vor dem Tag der Wiedervereinigung: Eine buchstäbliche Buchgeschichte aus den letzten Tagen der „DeDeEr“.

          8 Min.

          Es gehört zu den ältesten Häusern Köpenicks, jeder Raum hat ein anderes Niveau, Türschwellen, eine fast dreißig Zentimeter breite Dielung, ein Gemäuer, das einige Generationen beherbergte, es war gefüllt von Leben und Erinnerungen – ein Ort, der Ursprung nicht nur ahnen lässt. Das im Altstadt-Idyll von Köpenick gelegene Fachwerkhaus im Katzengraben wurde 1683 erbaut und war die Residenz des Amtmannes von Köpenick, Johannes Schmidt. Als Studenten hatten wir es 1971 vor einem bedrohten Abriss gerettet, um in dieser besonderen Atmosphäre vielfältige Vorhaben und Unternehmungen anzugehen.

          Die Kopfsteinpflasterstraße, eng und nahe am Wasser der Müggelspree gelegen, gab in der Nacht vom 13. auf den 14. März 1990 vor der Abfahrt zur 1. Alternativen Buchmesse in Leipzig dem Verlag seinen Namen: „Katzengraben-Presse“. Der Schriftzug per Feder, damals im eigenen Fotolabor schwarzweiß in der Nacht vergrößert, zierte so den Stand bei der ersten öffentlichen Präsentation. Eine Hommage an ein Haus, mit Dank und Demut, das trotz aller Mängel und Baufälligkeit uns ein so schöpferisches Obdach bot. Es wurde der Kilometer null aller bibliophilen Bücher, die später hier entstanden.

          In den siebziger Jahren, als ich neben den graphischen Arbeiten als freiberuflicher Gestalter bereits einige Editionen geschrieben, sich mehr und mehr Texte angesammelt hatten, gewährte mir der Verleger eines großen Literaturverlages der DeDeEr einen Termin. Früh um 8 Uhr. Eine Auswahl Manuskriptseiten hatte ich in einer Mappe unter den Arm geklemmt, hegte Hoffnung, in seiner Sondereditionsreihe für Debütanten vielleicht unterzukommen.

          Auf eigene Faust

          „Guten Morgen, ach, Sie kommen aus Köpenick . . . Nee, Literatur wird hier in der Stadt gemacht, Prenzlauer Berg, da sind die literarischen Kreise.“ Wie diese um Personen gestrickten und verstrickten Kreise unterwandert arbeiteten, wurde später hinreichend bekannt, als deren Verbindungen zur staatlichen Aufsichtsbehörde (Stasi) öffentlich am Pranger standen.

          Beim Verlassen des Verlagsgebäudes blieb ich auf der letzten Stufe kurz stehen, zweifelte natürlich, überlegte aber, wie man Hindernisse dieser Art selbst überwindet, um einen solchen Gang nie wieder anzutreten. Es musste also auf eigene Faust geschehen, auch ohne Druckgenehmigung.

          Die war damals notwendig, wollte man selbst Bücher herausgeben, was aber sowieso ausgeschlossen blieb. Es sei denn, kulturelle Institutionen hatten für spezielle Editionen Kontingente, was schließlich auch mit der Papierzuteilung verbunden war. Für alle Bereiche gab es in der DeDeEr spezielle Verlage für jedwede Publikationen. Selbst einen Verlag anzumelden, den man nach seinen eigenen Vorstellungen führen wollte, war schlicht unmöglich. Die Druckgenehmigungsbehörde handelte natürlich auch in und mit der Angst, es könnten „staatsfeindliche“ Schriften verbreitet werden, die natürlich das System unterwanderten. Aber Schreiben ist ja nicht Drucken. Also konnte man den Gang zur Einreichung von Texten bei der Druckgenehmigungsstelle erst einmal entfallen lassen, um sich eine weitere Demütigung zu ersparen.

          Heillos „verfischt“

          Ich dachte natürlich nicht an Großauflagen, es sollten überschaubare Editionen bleiben, Unikate eben, nicht mehr als hundert Exemplare, überlegte ich, 99 Exemplare sollten es sein. Alle natürlich handgeschrieben, mit Näh-Papier-Collagen illustriert, damit auf gleicher Ebene der Unikat-Charakter gewahrt wurde, natürlich geschrieben mit einer Bremer Börsenzackfeder, einer Kugelspitzfeder – mit der ich per Zufall eine Überraschung erfuhr.

          Jedes Mal, wenn ich während der Studienzeit von Berlin nach Weimar gefahren war, hatte ich vor der Rückfahrt eine sehr kleine Papierwarenhandlung in der Stadt besucht, die, von zwei Damen geführt, auch ein großes Sortiment an Schreibfedern bot. Und jedes Mal waren in dem großen ausziehbaren Kasten die Federn heillos durcheinander, „verfischt“, wie man als Schriftsetzer gelernt hatte: Es lagen viele Federn nicht dort, wo sie hingehörten. Also suchte ich die von mir gewünschten heraus und räumte die anderen in ihre zugehörigen Fächer. Die Damen waren verwundert über diese Hilfe, mir machte sie aber Freude, weil ich so eine Vielzahl anderer und älterer Federn kennenlernen konnte.

          Bei einem der späteren Besuche sah ich plötzlich am Geschäft quer über der Tür das Schild „Geschäftsauflösung“. Flugs ging ich hinein und wurde mit Freude empfangen: „Wir haben zufällig im Keller zwei Gros ihrer Federn in der Original-Verpackung gefunden, die wir Ihnen schenken möchten.“ Auf der Verpackung erfuhr ich aus dem Kleingedruckten auf der Unterseite: „Die seit Gründung der Bremer Börse 1869 so benannte und bewährte Bremer Börsenfeder von Roeder wird mit Kugelspitze nur unter der Bezeichnung Kugelzack 53 original verkauft.“

          Ein Diktat bei der Polizei

          Noch heute „lebe“ ich von diesem Vorrat Federn, die einzigartig sind. Einen sehr besonderen Federhalter dafür hatte ich einst bei einem berühmten Trödler in Prag ganz in der Nähe der Theyn-Kirche erstanden.

          Als 1976 ein italienischer Lkw-Fahrer, Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, „irrtümlich“ von DeDeEr-Grenzposten als vermeintlicher DeDeEr-Flüchtling an der Grenze zu Hirschberg/Hof erschossen wurde, klebten Unbekannte nachts rund um das Rathaus Köpenick improvisierte Plakate im Format A3 hochkant, als Protest gegen solch eine Willkür an der Grenze. Tags darauf hatte ich gerade meinen Einkauf von Lebensmitteln erledigt, als ich auf der Grünstraße im Herzen der Altstadt zwei Männer hinter mir gewahrte. Im Eilschritt liefen sie hinter mir her, und ehe ich mich versah, wurde ich beiderseits untergehakt, eine Stimme zischelte kurz: „Sie kommen jetzt mit zur Klärung eines Sachverhaltes, machen Sie kein Aufsehen.“

          So wurde ich am helllichten Tag zum Köpenicker Polizeirevier verbracht, das sich witzigerweise in der Straße namens Freiheit befand, unweit des Katzengrabens. Nach längerem Warten ließen sich beide Beamte wieder sehen, einer legte mir ein weißes Blatt A3 hochkant nebst Kugelschreiber auf den Tisch. Das Netz mit meinen Lebensmitteln lag daneben. Die bissige Stimme des einen schnitt sich förmlich durch das kahle Zimmer, er war sich seiner Macht in dem Moment sehr bewusst: „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen, die Sie in Handschrift auf das Papier zu schreiben haben. Schließlich schreiben Sie ja auch Bücher, oder?“ Seine Frage ließ ich unbeantwortet, war jedoch doppelt ins Mark getroffen, als der diktierte Text mein Lebenslauf war!

          Nach einigen Zeilen brachen sie ab, die bissige Stimme sagte schroff: „. . . und jetzt mit links!“ Die genaue Zeilenanzahl wiederholte sich. Scheinbar das Ende. Der eine verließ mit den Schriftproben das Zimmer. Vom anderen hörte ich nur noch unterdrückt: „Raus!“

          Ein Jahr später wurde eine Sonderausstellung der Buchgestalter und Typographiker zur iba in Leipzig veranstaltet. Diese ehrte den großen Dichter Pablo Neruda, dessen „Buch der Fragen“ mich Jahre zuvor sehr inspiriert hatte, weil seine Poetik und ihr ebenso reicher wie karger Witz Bilder erzeugten, die sich ein Graphiker lebendig auf Papier vorstellen kann. Das führte zu dem „Erstling“, der das Druckverbot umging und die Edition „Fragen für allemal zählbare Finger“ mit handgeschriebenen Büchern zu DeDeEr-Zeiten auf den Weg brachte. Das Buch bestand nur aus Fragen, völlig unerwarteten zwischen Mensch und Natur, Ding und Traum. Fragen als unendliche Bilderreise, die scheinbar Leblosem Körper verleiht.

          Eine örtliche Initiative, noch unbekannte Kleinverlage und Buchkünstler nach dem Mauerfall auf der Leipziger Buchmesse 1990 vorzustellen – gemeinsam aus Ost und West –, lehnten die Messeveranstalter ab. Der Initiator kannte meine handgeschriebenen Bücher und lud mich selbst ein. Er fand eine Alternative zum Messehaus am Markt: im Budde-Haus, einer großzügigen Villa in Leipzig-Gohlis, die angeblich das Multitalent Luis Trenker ehedem seiner Leipziger Geliebten zum Geschenk gemacht haben soll.

          Der unvorstellbare Weg nach Frankfurt

          Es war ein Aufbruch der ganz besonderen Art. Eigentlich war es der Wendepunkt und Start zugleich, einen Verlag zu gründen, obwohl ich das nie vorhatte. Als ich mit meiner Sekretärin – damals war ich als Gestalter der Wochenzeitung „die andere“ im Neuen Forum tätig – in Leipzig eintraf, hatte der Organisator vergessen, meinen Stand im Budde-Haus einzuplanen. „Geh in das Treppenhaus, da kannst du improvisieren, hast alle Besucher sogar zweimal am Stand: wenn sie kommen . . . und gehen.“

          Es war eine aufregende Welt, alles war neu und hatte einen Atem, den man vorher nie verspürt hatte. Papierflieger wurden gefaltet und im Luftraum dieses Treppenabsatzes improvisiert an die Decke geheftet, eine weltläufige Atmosphäre für ein Treppenhaus. Auf einem Postament stand mein einziges Buch. Handgeschrieben mit der Feder, die auf 25 gefalzten Seiten ihre Spuren hinterließ. Drei Kapitel zu je zehn Fragen, die Seiten waren mit einer Singer-Nähmaschine per Fußbetrieb übernäht, an deren Naht sich die geschriebenen Fragen befanden, das Buch war in japanischer Bindung gefertigt und illustriert mit drei auslegbaren Doppelseiten als Näh-Papier-Collage. Unter einem Glaskubus plazierte ich einige gleichformatige Bücher mit japanischer Bindung, um die künftige Reihe darzustellen.

          Zu meiner Überraschung kam eine kanadische Kinderbuchverlegerin aus Toronto mit Gefolge zum Stand, schaute sich das Buch an, klemmte es sofort unter den Arm und fragte nach dem Preis. „Unmöglich, ich habe nur das eine zur Ansicht, Sie können es aber bestellen.“ Sie war fasziniert, bestellte es, sprach noch lange mit mir und sagte: „Sie müssen auf die Frankfurter Buchmesse! Wenn Sie wollen, kümmere ich mich darum.“ Aus diesem Gespräch ergab sich eine bis heute währende wunderbare Freundschaft. Sie ist eine der Pioniere des kanadischen Kinderbuchs, hochgeehrt, und ihr verdanke ich den für mich damals unvorstellbaren Weg nach Frankfurt am Main.

          999 Exemplare

          Nach der Messe erhielt ich überraschend ein Manuskript. Jan Silberschuh, in Berlin publizistisch tätig, schreibt, weil er „etwas erfahren“ will. Und er publiziert, weil er zeigen will, wie man „zu Erfahrungen kommt“. Sein Text traf genau den Nerv der Zeit, in der er entstanden war, er wirkte fast wie ein Brennglas, das die Situation des Landes fokussierte: was war, was ist und was später sein würde. Silberschuh hatte sich damit „Wundes und Unumwundenes aus der Wendezeit“ aus der Seele geschrieben. Der Titel lautete: „Ost-Berliner Treppengespräche“. Illustrator des Manuspripts war Hans Ticha, der diese Selbstdarstellung der Herrschenden nur seiner Frau und einem Freund gezeigt hatte. Vernichtet, trotz des Vorsatzes dazu, hatte er die Zeichnungen nicht. Aus Zeitmangel.

          Das sollte, das musste das erste gedruckte Buch werden, um endlich all die vorherigen Hürden zu überspringen. Es mit der Feder zu schreiben war unmöglich. Wenn aber schon gedruckt, müsste es die Auflage der handgeschriebenen Bücher natürlich übertreffen, also wurde der sonst üblichen Auflage noch eine 9 angehängt. So wurden es dann unter tausend, also 999 Exemplare.

          Nach dem Fall der Mauer war kein Amt mehr zuständig für Druckgenehmigungen. Die Zeitenwende hatte ein Vakuum geschaffen, der frische Wind alle bestempelten und ungestempelten Anträge auf Nimmerwiedersehen aus den Fenstern geblasen. In einer kleinen Druckerei in Schöneweide fielen die Matrizen der Linotype-Setzmaschine mit unterschiedlichem Klang ob ihres Gewichtes auf den Sammler-Elevator, um sich unmittelbar nach dem Guss aus heißem Blei abgekühlt als Druckzeile verarbeiten zu lassen, eingebaut mit Handsatz-Ergänzungen. So wuchs Kolumne um Kolumne, ausgebunden, um im Schließrahmen fest ausgeschlossen zur Druckmaschine zu gelangen. Mit den letzten Resten eines Achat-Vorsatzpapiers aus einem Werk in Weissenborn konnte die Auflage von 999 Exemplaren gerade noch so gedruckt werden.

          Die letzte Handlung in diesem Land

          An einem späten Abend kam mit dem Zweifeln am Fertigwerden zur Buchmesse in Frankfurt die Angst auf: Meine Güte, werden wir wieder die Letzten sein! Gleichsam ergab sich aber auch die Idee, dass das absehbare Ende eines Landes, der Tag der Wiedervereinigung, ja auf den ersten Tag der damaligen Frankfurter Buchmesse fiel, also würde es die letzte Handlung in diesem Land sein, ein wirklich letztes Buch herauszubringen! Und das tatsächlich gedruckt! Unglaublich!

          Also galt es, die letztmögliche Zeiteinstellung als Papierbinde am Buch anzubringen: Auslieferung um 23.59 Uhr, als das Warten des Minutenzeigers fast knisterte, um Mitternacht ganz leise und mit sachtem Ruck zu verkünden. Und ohne Druckgenehmigung. Eine Selbsterteilung, mit der das Wort „Druckgenehmigung“ fast antiquarisch wurde. Improvisiert wie zu DeDeEr-Zeiten, die Buchdeckel mit bedrucktem Packpapier bezogen, bei dem umgedrehten Papier schimmerte manchmal noch der Flexo-Aufdruck „Einen guten Einkauf“ durch.

          Das Buch war mir, als es fertig war, zu nackt, um es so auf den Tisch zu legen. Aus dem gleichen Bezugsmaterial wurde eine Papiertüte vernäht. Es war die Geburtsstunde dieser so speziellen Verpackungen aller weiteren Editionen, vom Blechschuber bei der Quixote-Edition, der kartonierten Fisch-Büchse der „Heringe“ bis zur schwebenden Zeppelin-Hülle und der jetzigen Sonderedition beim Bauhaus-Wettbewerb der Buchkunst in meiner Geburtsstadt Weimar, um nur einige zu nennen.

          Am nächsten Morgen lag es auf dem Tisch der Frankfurter Buchmesse, für uns unvorstellbar. Es wurde Wochen später „eines der schönsten deutschen Bücher“ und erhielt den „Preis der Stiftung Buchkunst“ in Frankfurt am Main.

          Christian Ewald, geboren 1949, betreibt seit 1990 in Berlin-Köpenick die bibliophile Katzengraben-Presse.

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