https://www.faz.net/-gr0-9tmb7

Das letzte Buch der DDR : „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen“

  • -Aktualisiert am

999 Exemplare

Nach der Messe erhielt ich überraschend ein Manuskript. Jan Silberschuh, in Berlin publizistisch tätig, schreibt, weil er „etwas erfahren“ will. Und er publiziert, weil er zeigen will, wie man „zu Erfahrungen kommt“. Sein Text traf genau den Nerv der Zeit, in der er entstanden war, er wirkte fast wie ein Brennglas, das die Situation des Landes fokussierte: was war, was ist und was später sein würde. Silberschuh hatte sich damit „Wundes und Unumwundenes aus der Wendezeit“ aus der Seele geschrieben. Der Titel lautete: „Ost-Berliner Treppengespräche“. Illustrator des Manuspripts war Hans Ticha, der diese Selbstdarstellung der Herrschenden nur seiner Frau und einem Freund gezeigt hatte. Vernichtet, trotz des Vorsatzes dazu, hatte er die Zeichnungen nicht. Aus Zeitmangel.

Das sollte, das musste das erste gedruckte Buch werden, um endlich all die vorherigen Hürden zu überspringen. Es mit der Feder zu schreiben war unmöglich. Wenn aber schon gedruckt, müsste es die Auflage der handgeschriebenen Bücher natürlich übertreffen, also wurde der sonst üblichen Auflage noch eine 9 angehängt. So wurden es dann unter tausend, also 999 Exemplare.

Nach dem Fall der Mauer war kein Amt mehr zuständig für Druckgenehmigungen. Die Zeitenwende hatte ein Vakuum geschaffen, der frische Wind alle bestempelten und ungestempelten Anträge auf Nimmerwiedersehen aus den Fenstern geblasen. In einer kleinen Druckerei in Schöneweide fielen die Matrizen der Linotype-Setzmaschine mit unterschiedlichem Klang ob ihres Gewichtes auf den Sammler-Elevator, um sich unmittelbar nach dem Guss aus heißem Blei abgekühlt als Druckzeile verarbeiten zu lassen, eingebaut mit Handsatz-Ergänzungen. So wuchs Kolumne um Kolumne, ausgebunden, um im Schließrahmen fest ausgeschlossen zur Druckmaschine zu gelangen. Mit den letzten Resten eines Achat-Vorsatzpapiers aus einem Werk in Weissenborn konnte die Auflage von 999 Exemplaren gerade noch so gedruckt werden.

Die letzte Handlung in diesem Land

An einem späten Abend kam mit dem Zweifeln am Fertigwerden zur Buchmesse in Frankfurt die Angst auf: Meine Güte, werden wir wieder die Letzten sein! Gleichsam ergab sich aber auch die Idee, dass das absehbare Ende eines Landes, der Tag der Wiedervereinigung, ja auf den ersten Tag der damaligen Frankfurter Buchmesse fiel, also würde es die letzte Handlung in diesem Land sein, ein wirklich letztes Buch herauszubringen! Und das tatsächlich gedruckt! Unglaublich!

Also galt es, die letztmögliche Zeiteinstellung als Papierbinde am Buch anzubringen: Auslieferung um 23.59 Uhr, als das Warten des Minutenzeigers fast knisterte, um Mitternacht ganz leise und mit sachtem Ruck zu verkünden. Und ohne Druckgenehmigung. Eine Selbsterteilung, mit der das Wort „Druckgenehmigung“ fast antiquarisch wurde. Improvisiert wie zu DeDeEr-Zeiten, die Buchdeckel mit bedrucktem Packpapier bezogen, bei dem umgedrehten Papier schimmerte manchmal noch der Flexo-Aufdruck „Einen guten Einkauf“ durch.

Das Buch war mir, als es fertig war, zu nackt, um es so auf den Tisch zu legen. Aus dem gleichen Bezugsmaterial wurde eine Papiertüte vernäht. Es war die Geburtsstunde dieser so speziellen Verpackungen aller weiteren Editionen, vom Blechschuber bei der Quixote-Edition, der kartonierten Fisch-Büchse der „Heringe“ bis zur schwebenden Zeppelin-Hülle und der jetzigen Sonderedition beim Bauhaus-Wettbewerb der Buchkunst in meiner Geburtsstadt Weimar, um nur einige zu nennen.

Am nächsten Morgen lag es auf dem Tisch der Frankfurter Buchmesse, für uns unvorstellbar. Es wurde Wochen später „eines der schönsten deutschen Bücher“ und erhielt den „Preis der Stiftung Buchkunst“ in Frankfurt am Main.

Christian Ewald, geboren 1949, betreibt seit 1990 in Berlin-Köpenick die bibliophile Katzengraben-Presse.

Weitere Themen

Corona bremst Barkok

Eintracht vor Union-Spiel : Corona bremst Barkok

Eine Corona-Infektion setzt Mittelfeldspieler Aymen Barkok außer Gefecht. Er wird der Eintracht besonders in der kommenden Partie fehlen. Denn Trainer Adi Hütter erwartet gegen Union Berlin „ein beinhartes Spiel“.

Benjamins Bilderbücher

Historische Kinderbuchsammlung : Benjamins Bilderbücher

Seit knapp 40 Jahren besitzt das Institut für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Universität die historische Kinderbuchsammlung von Walter Benjamin. Nun wird der Schatz des Philosophen Stück für Stück aufgearbeitet und restauriert.

Vorwärts in die Vergangenheit

Barack Obamas Memoiren : Vorwärts in die Vergangenheit

Barack Obama offenbart im ersten Teil seiner Memoiren, was er von Angela Merkel und Wladimir Putin hält. Vergangenheit wird plötzlich brandaktuell. Über seine innersten Antriebskräfte erfährt man kaum etwas.

Topmeldungen

Unser Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Newsletter : Die Spielchen des Markus Söder

Viele Karten sind im Spiel, wenn es um den künftigen Vorsitz der Union geht. Eine trägt sicherlich den Namen von CSU-Chef Markus Söder. Der gab sich bei der Jungen Union vielsagend zu dieser Frage. Der Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.