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Das letzte Buch der DDR : „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen“

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Ein Jahr später wurde eine Sonderausstellung der Buchgestalter und Typographiker zur iba in Leipzig veranstaltet. Diese ehrte den großen Dichter Pablo Neruda, dessen „Buch der Fragen“ mich Jahre zuvor sehr inspiriert hatte, weil seine Poetik und ihr ebenso reicher wie karger Witz Bilder erzeugten, die sich ein Graphiker lebendig auf Papier vorstellen kann. Das führte zu dem „Erstling“, der das Druckverbot umging und die Edition „Fragen für allemal zählbare Finger“ mit handgeschriebenen Büchern zu DeDeEr-Zeiten auf den Weg brachte. Das Buch bestand nur aus Fragen, völlig unerwarteten zwischen Mensch und Natur, Ding und Traum. Fragen als unendliche Bilderreise, die scheinbar Leblosem Körper verleiht.

Eine örtliche Initiative, noch unbekannte Kleinverlage und Buchkünstler nach dem Mauerfall auf der Leipziger Buchmesse 1990 vorzustellen – gemeinsam aus Ost und West –, lehnten die Messeveranstalter ab. Der Initiator kannte meine handgeschriebenen Bücher und lud mich selbst ein. Er fand eine Alternative zum Messehaus am Markt: im Budde-Haus, einer großzügigen Villa in Leipzig-Gohlis, die angeblich das Multitalent Luis Trenker ehedem seiner Leipziger Geliebten zum Geschenk gemacht haben soll.

Der unvorstellbare Weg nach Frankfurt

Es war ein Aufbruch der ganz besonderen Art. Eigentlich war es der Wendepunkt und Start zugleich, einen Verlag zu gründen, obwohl ich das nie vorhatte. Als ich mit meiner Sekretärin – damals war ich als Gestalter der Wochenzeitung „die andere“ im Neuen Forum tätig – in Leipzig eintraf, hatte der Organisator vergessen, meinen Stand im Budde-Haus einzuplanen. „Geh in das Treppenhaus, da kannst du improvisieren, hast alle Besucher sogar zweimal am Stand: wenn sie kommen . . . und gehen.“

Es war eine aufregende Welt, alles war neu und hatte einen Atem, den man vorher nie verspürt hatte. Papierflieger wurden gefaltet und im Luftraum dieses Treppenabsatzes improvisiert an die Decke geheftet, eine weltläufige Atmosphäre für ein Treppenhaus. Auf einem Postament stand mein einziges Buch. Handgeschrieben mit der Feder, die auf 25 gefalzten Seiten ihre Spuren hinterließ. Drei Kapitel zu je zehn Fragen, die Seiten waren mit einer Singer-Nähmaschine per Fußbetrieb übernäht, an deren Naht sich die geschriebenen Fragen befanden, das Buch war in japanischer Bindung gefertigt und illustriert mit drei auslegbaren Doppelseiten als Näh-Papier-Collage. Unter einem Glaskubus plazierte ich einige gleichformatige Bücher mit japanischer Bindung, um die künftige Reihe darzustellen.

Zu meiner Überraschung kam eine kanadische Kinderbuchverlegerin aus Toronto mit Gefolge zum Stand, schaute sich das Buch an, klemmte es sofort unter den Arm und fragte nach dem Preis. „Unmöglich, ich habe nur das eine zur Ansicht, Sie können es aber bestellen.“ Sie war fasziniert, bestellte es, sprach noch lange mit mir und sagte: „Sie müssen auf die Frankfurter Buchmesse! Wenn Sie wollen, kümmere ich mich darum.“ Aus diesem Gespräch ergab sich eine bis heute währende wunderbare Freundschaft. Sie ist eine der Pioniere des kanadischen Kinderbuchs, hochgeehrt, und ihr verdanke ich den für mich damals unvorstellbaren Weg nach Frankfurt am Main.

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