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Das letzte Buch der DDR : „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen“

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Jedes Mal, wenn ich während der Studienzeit von Berlin nach Weimar gefahren war, hatte ich vor der Rückfahrt eine sehr kleine Papierwarenhandlung in der Stadt besucht, die, von zwei Damen geführt, auch ein großes Sortiment an Schreibfedern bot. Und jedes Mal waren in dem großen ausziehbaren Kasten die Federn heillos durcheinander, „verfischt“, wie man als Schriftsetzer gelernt hatte: Es lagen viele Federn nicht dort, wo sie hingehörten. Also suchte ich die von mir gewünschten heraus und räumte die anderen in ihre zugehörigen Fächer. Die Damen waren verwundert über diese Hilfe, mir machte sie aber Freude, weil ich so eine Vielzahl anderer und älterer Federn kennenlernen konnte.

Bei einem der späteren Besuche sah ich plötzlich am Geschäft quer über der Tür das Schild „Geschäftsauflösung“. Flugs ging ich hinein und wurde mit Freude empfangen: „Wir haben zufällig im Keller zwei Gros ihrer Federn in der Original-Verpackung gefunden, die wir Ihnen schenken möchten.“ Auf der Verpackung erfuhr ich aus dem Kleingedruckten auf der Unterseite: „Die seit Gründung der Bremer Börse 1869 so benannte und bewährte Bremer Börsenfeder von Roeder wird mit Kugelspitze nur unter der Bezeichnung Kugelzack 53 original verkauft.“

Ein Diktat bei der Polizei

Noch heute „lebe“ ich von diesem Vorrat Federn, die einzigartig sind. Einen sehr besonderen Federhalter dafür hatte ich einst bei einem berühmten Trödler in Prag ganz in der Nähe der Theyn-Kirche erstanden.

Als 1976 ein italienischer Lkw-Fahrer, Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, „irrtümlich“ von DeDeEr-Grenzposten als vermeintlicher DeDeEr-Flüchtling an der Grenze zu Hirschberg/Hof erschossen wurde, klebten Unbekannte nachts rund um das Rathaus Köpenick improvisierte Plakate im Format A3 hochkant, als Protest gegen solch eine Willkür an der Grenze. Tags darauf hatte ich gerade meinen Einkauf von Lebensmitteln erledigt, als ich auf der Grünstraße im Herzen der Altstadt zwei Männer hinter mir gewahrte. Im Eilschritt liefen sie hinter mir her, und ehe ich mich versah, wurde ich beiderseits untergehakt, eine Stimme zischelte kurz: „Sie kommen jetzt mit zur Klärung eines Sachverhaltes, machen Sie kein Aufsehen.“

So wurde ich am helllichten Tag zum Köpenicker Polizeirevier verbracht, das sich witzigerweise in der Straße namens Freiheit befand, unweit des Katzengrabens. Nach längerem Warten ließen sich beide Beamte wieder sehen, einer legte mir ein weißes Blatt A3 hochkant nebst Kugelschreiber auf den Tisch. Das Netz mit meinen Lebensmitteln lag daneben. Die bissige Stimme des einen schnitt sich förmlich durch das kahle Zimmer, er war sich seiner Macht in dem Moment sehr bewusst: „Wir diktieren Ihnen einige Zeilen, die Sie in Handschrift auf das Papier zu schreiben haben. Schließlich schreiben Sie ja auch Bücher, oder?“ Seine Frage ließ ich unbeantwortet, war jedoch doppelt ins Mark getroffen, als der diktierte Text mein Lebenslauf war!

Nach einigen Zeilen brachen sie ab, die bissige Stimme sagte schroff: „. . . und jetzt mit links!“ Die genaue Zeilenanzahl wiederholte sich. Scheinbar das Ende. Der eine verließ mit den Schriftproben das Zimmer. Vom anderen hörte ich nur noch unterdrückt: „Raus!“

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