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Gerhard Schulz wird 90 : Außenstelle Australien

„Da Germanistisch hier keine Umgangssprache ist, werde ich hoffentlich den richtigen Ton treffen“, schrieb Gerhard Schulz aus Australien an Reich-Ranicki. Bild: Verlag C.H.Beck

Marcel Reich-Ranicki holte ihn zur F.A.Z., noch bevor er selbst zur Zeitung stieß: Gerhard Schulz, der in Melbourne lehrte, hat seitdem 250 Rezensionen geschrieben. Heute wird er 90 Jahre alt.

          Noch ehe Marcel Reich-Ranicki 1974 zu dieser Zeitung stieß, hatte er schon Autoren kontaktiert, deren Mitarbeit er sich fürs Literaturressort sichern wollte. Zu ihnen gehörte Gerhard Schulz, und er bildete fortan die weitest entfernte Außenstelle in Reich-Ranickis Diensten: Der deutsche Germanist lehrte in Melbourne, wohin er schon 1959, als Dreißigjähriger, gezogen war, nachdem er seiner vorherigen Alma Mater, der Universität Leipzig, Lebewohl gesagt hatte. Spätestens mit dem Mauerbau zwei Jahre später sollte sich das als kluge Entscheidung erwiesen haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Da Germanistisch hier keine Umgangssprache ist, werde ich hoffentlich den richtigen Ton treffen“, schrieb Schulz aus Australien an Reich-Ranicki als Antwort auf dessen Bitte um Mitarbeit, aber diese Sorge war unbegründet. Auch Reich-Ranickis Nachfolger hielten Schulz als Rezensenten die Treue, und so sind seit 1974 an die 250 Rezensionen zusammengekommen, viele zur französischen und englischsprachigen Literatur und etliches zu Schulz’ akademischem Schwerpunkt, der deutschen Klassik und Romantik. Aber die hiesige Gegenwartsliteratur war bei ihm ebenso gut aufgehoben, von Uwe Johnson über Ludwig Harig und Ulla Hahn bis zu Robert Menasse.

          Erinnerung an den Austausch mit Autoren

          Kontakte zu den Schriftstellern seiner Wahlheimat hat er darüber nicht vergessen zu pflegen, etwa zu Les Murray, dem weltweit bekanntesten, der Schulz 1995 seine Ambivalenz gegenüber den australischen Protesten gegen die französischen Atombombenversuche im Pazifik gestand – eine in Deutschland nur schwer nachvollziehbare Position. Und manchmal ließ Schulz die Leser an seinem reichen Erinnerungsschatz an den Austausch mit Autoren teilhaben wie etwa bei der Rezension eines Bandes mit der Korrespondenz von Hans Mayer, bei dem Schulz in Leipzig noch studiert hatte. Als die Besprechung erschien, war Mayer lange tot und Gerhard Schulz selbst schon Ende siebzig, doch er erinnerte sich noch glasklar an die Atmosphäre in den Vorlesungen der fünfziger Jahre.

          Vom anderen Ende der Welt her sieht der gebürtige Lausitzer die gegenwärtigen Dinge des hiesigen Literaturbetriebs abgeklärter. Aber er hat in ihn auch heftig hineingewirkt: mit seiner zweibändigen Geschichte über die deutsche Literaturgeschichte zwischen 1789 und 1830, die nach fast dreißig Jahren immer noch als Standardwerk gilt, und mit den Biographien über Kleist und Novalis, die er nach der Emeritierung schrieb. Die Literatur ist Schulz’ engste Verbindung zur früheren Heimat. Und immer noch gibt es da etwas, was vor viereinhalb Jahrzehnten begann, als er Reich-Ranicki kurz vor dessen Antritt als Redakteur in Frankfurt schrieb: „Es wird Zeit, daß wir uns die F.A.Z. nun mit Luftpost kommen lassen.“ Täglich liegt seitdem die Zeitung in Melbourne auf seinem Schreibtisch. Darin wird Gerhard Schulz heute diese Gratulation zu seinem neunzigsten Geburtstag lesen.

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