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Buchmesse-Gastland Georgien : Kaukasisches Glücklichsein

  • -Aktualisiert am

Pfauen gehören zum Stadtbild und Gründungsmythos der Stadt: Straßenszene in einem Dorf bei Tiflis Bild: Christiane Munsberg

Georgien ist ein Land im Umbruch zwischen sowjetischem Erbe und westlicher Moderne, prekär und doch voller Chancen. Auf der Buchmesse in Frankfurt 2018 will es sich der Welt zeigen.

          Meine Seele scheint glücklich, / und das Herz ist ruhig“, heißt es im Gedicht eines gewissen Soselo aus dem Jahr 1895, das in die bange Frage mündet: „Aber wird die Hoffnung dereinst Bestand haben, / die mich heute erfüllt?“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Gedicht, auf Georgisch und Englisch in einem Bändchen veröffentlicht, dessen Cover den jungen Dichter zeigt, wie er am Schreibtisch sitzt und melancholisch in die Ferne schaut, wirft noch ganz andere Fragen auf. Überreicht nach dem Besuch des Stalin-Museums in Gori, zum Beispiel die, was der Menschheit erspart geblieben wäre, hätte der Verfasser mit seinen schwül-romantischen Poemen „An den Mond“ oder „Der alte Ninika“ mehr Fortüne gehabt.

          Denn hinter dem Pseudonym Soselo steckt niemand anderes als Stalin, der hier in Gori 1878 als Sohn eines Schusters zur Welt kam und sich als Dichter versuchte, bevor er im Priesterseminar zum Revolutionär wurde. Der Name, den er erst 1912 annehmen sollte, steht für eine beispiellose Ära des Terrors. Trotzdem handelt es sich bei dem lyrischen Präsent keineswegs um eine ironische Geste der Museumsmitarbeiterin. Es scheint vielmehr zur eigenwilligen Psychopathologie der Georgier zu gehören, dass sie, die sich als Opfer der Sowjetdiktatur begreifen, ausgerechnet über deren grausamsten Vollstrecker Milde walten lassen. Weil er Georgier war? Dabei hatte seinerseits Stalin kein Nachsehen mit seinen Landsleuten, im Gegenteil. „Selbst Todesurteile von Menschen, die ihm aus Jugendtagen bekannt waren, unterschrieb er eigenhändig“, erzählt der Historiker Lasha Bakradze, der in Tiflis das Literaturmuseum leitet.

          Im Stalin-Museum wird noch immer gejubelt

          Wer vom beschaulichen Park die Säulenhalle des Museums betritt und im monumentalen Treppenhaus einen lebensgroßen Stalin passiert, an dem frische Blumen abgelegt sind, wird zum Zeitreisenden. Die Ausstellung, seit 1979 unverändert, demonstriert in Bildern, Tafeln und Vitrinen sowjetischen Personenkult pur: Stalin als Seminarist, Stalin herzt eine alte Frau, Stalin Arm in Arm mit seinem Freund Maxim Gorki. Dazu Paradeuniformen, Pfeifen, die Totenmaske. Kein Wort über die Grausamkeiten, die Millionen Opfer. Das staatliche Museum, zu dem auch Stalins Elternhaus und sein gepanzerter Bahnwaggon gehören, zählt zu den meistbesuchten Orten Georgiens und unterhält eine Partnerschaft mit dem Mao-Museum in Peking.

          Dass man das Museum unbedingt erhalten müsse, davon ist auch Lasha Bakradze überzeugt, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Er will es einbetten in ein übergeordnetes Museum zur Topographie des Terrors. Anhand des Originals will er darlegen, wie Propaganda damals funktionierte. Über ein solches Museum, „das nicht Stalin huldigt, sondern das stalinistische System begreifbar macht“, ist er seit Jahren mit dem Kultusministerium im Gespräch. Bislang konnte das Jubelhaus allen Ansätzen, den Mythos zu entzaubern, widerstehen; doch demnächst, so glaubt Bakradze, könnte der Vorstoß Gehör finden.

          „Was weiß Europa schon über uns?“

          Ein Museum, das für alle Zeiten die Geschichte dieser großen Verführung erzählte, wäre wohl einmalig in der Welt, rund fünfundzwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit Georgiens aber auch höchste Zeit. Denn mit Gori ist nichts gesagt über die Rolle, die Stalin heute noch in der Gesellschaft spielt. Tatsächlich befindet sich das kleine Land zwischen Schwarzem Meer und Hohem Kaukasus, das im Norden an Russland grenzt, in einem komplexen Transformationsprozess und hat eine junge Generation hervorgebracht, der Stalin herzlich egal ist.

          Im Ursprungsland des Weins wachsen die Reben über die Straßen.

          Von den Kaukasus-Republiken, die 1991 aus der Zerfallsmasse der Sowjetunion als Staaten wiederentstanden sind, ist Georgien am fortschrittlichsten. Und es richtet unter dem Eindruck der Ukraine-Krise mehr denn je seine Fühler Richtung Westen aus, nach Europa. Sichtbarstes Zeichen dieser Tage sind die vielen EU-Flaggen, die in der Hauptstadt Tiflis im Wind flattern, obwohl Georgien kein EU-Mitglied ist. Grund ist die jüngste Brüsseler Entscheidung, den Georgiern Visumfreiheit zu gewähren. Auch dass Georgien sich 2018 der literarischen Welt als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren will, begreift man dort als Chance. Mit der Organisation ist das Georgische Buchzentrum unter der Leitung der Hellenistin Medea Metreveli beauftragt.

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