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Bedeutung der Bibliotheken : Gefühlsspeicher

In der Weimarer Anna Amalia Bibliothek ein paar Tage nach dem Brand vom 2. September 2004 Bild: Picture-Alliance

Die Geschichte der Bibliotheken ist auch eine Geschichte ihrer Gefährdung. In ihnen lagert das, was den Menschen besonders wichtig ist: Erinnerung. Daran hat sich auch im Zeitalter der Clouds nichts geändert.

          Warum das Feuer, das im Zentrum Roms wütete, überhaupt ausbrach, ist nicht überliefert – ein Erdbeben trage die Schuld, wurde vermutet, vielleicht aber auch nur in den nachträglichen Berichten angefügt, weil es sich als Vorzeichen für die Katastrophe so gut macht. Unstrittig ist jedenfalls, was das Feuer anrichtete, bevor es erst durch einen Regenguss gestoppt werden konnte: Es zerstörte ausgerechnet das Gebiet an der Via Sacra, in dem seit Vespasian der Friedenstempel angesiedelt war, ein Areal also, das besonders gesichert und bewacht war und das Gebäude beherbergte, in dem die wertvollsten Schätze des Staates wie auch einiger Privatleute untergebracht waren: Statuen, kostbare Gerätschaften aus Edelmetall, Handelswaren wie Gewürze – und nicht zuletzt die Schriftrollen aus öffentlichen wie privaten Bibliotheken. Das Feuer sprang damals, im Sommer 192 nach Christus, bis zum Palatin über und fraß sich, wie der Historiker Cassius Dio schreibt, durch die dortigen Archive, „so dass auch die Dokumente, die den Staat betrafen, beinahe alle verbrannten“. Und es zerstörte die berühmte Büchersammlung im Tempel der Pax, die noch Aulus Gellius in seinen „Attischen Nächten“ gepriesen hatte, die vielen Buchhandlungen im benachbarten Viertel Sandaliarium waren ebenso betroffen, und da die Anzahl der Kopien einzelner Schriften äußerst begrenzt war, kann man sich leicht ausmalen, dass viele Texte nach diesem Feuer unwiderruflich verloren waren.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Einer, der persönlich schwere Einbußen hinnehmen musste, der berühmte Arzt Galenos aus Pergamon, hatte kurz zuvor einen Teil seiner Schätze in ein Depot des Tempelbezirks gebracht, weil er diesen Ort für besonders sicher hielt. Dann war er nach Kampanien gereist, wo ihn die Nachricht vom Brand ereilte. Er selbst hatte wertvolle, zum Teil von anderen Ärzten geerbte Rezeptsammlungen ebenso verloren wie eigene Werke und Textgrundlagen für philologische Arbeiten, denen er sich widmete. Der „schlimmste Schlag bei all dem Verlust meiner Bücher“, schrieb Galenos in einem Traktat mit dem Titel „Über die Unverdrossenheit“, sei, dass es „keine Hoffnung auf die Wiedergewinnung“ gebe, „da alle Bibliotheken auf dem Palatin an demselben Tag abgebrannt sind“, also keine Abschriften der verlorenen Bücher gefertigt werden können.

          Immerhin ging es ihm nach der Katastrophe besser als manchem Kollegen. Galenos schreibt über zwei Ärzte, von denen einer vor Erschütterung über den Verlust seiner Schriften starb, der andere seinen Beruf aufgab. Auch zwei Philologen, Kallistos und Philistides, seien am Kummer zugrunde gegangen, während „viele andere lange Zeit in schwarzer Kleidung herumgingen, dünn und blass aussehend wie Trauernde“.

          200 Meter Regalböden unbrauchbar gemacht

          Nicht jeder reagiert auf solche Weise, wenn Bibliotheken untergehen, aber Ereignisse wie der Verlust der Nationalbibliothek von Sarajevo, in der 1992 mehr als zwei Millionen Bücher und Dokumente verbrannten, der Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, bei dem 2004 etwa 50.000 Bücher komplett zerstört und weitere 62.000 zum Teil schwer beschädigt wurden, oder jüngst der Brand im brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro, bei dem neben der dortigen großen wissenschaftlichen Bibliothek auch zahlreiche Dokumente verschiedener Forschungsrichtungen vernichtet wurden, waren jeweils einschneidende Ereignisse.

          Gemessen daran blieben die Reaktionen eher verhalten, als Anfang Oktober bekanntwurde, dass in der Universitätsbibliothek Stuttgart seit Januar eine Rattenplage bekämpft wurde, der etwa 8000 Bücher zum Opfer gefallen sind – außerdem hätten die mittlerweile ausgesperrten Tiere mit ihrem Kot zuvor 200 Meter Regalböden unbrauchbar gemacht und so insgesamt einen Schaden von 200.000 Euro angerichtet. Das geht sicher nicht von heute auf morgen, und so fragt man sich, wann jemand zuletzt einen Blick auf die betroffenen Bücher und Regale geworfen hatte, wie lange niemand die juristische und ökonomische Fachliteratur, gedruckt vor etwa dreißig bis fünfzig Jahren, bestellt oder ausgeliehen hat – und weiter, wozu man Bücher eigentlich aufhebt, die offenbar niemanden mehr interessieren.

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