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Gedruckt oder digital? : Die Zukunft des Lesens

Nur nicht den Anschluss verlieren

Selbstverständlich könne auf einem Tablet genauso eindringlich gelesen werden wie in einem Buch, stellt Adriaan van der Weel klar, es sei nur sehr viel weniger wahrscheinlich. Die Verbreitung von ausschließlich für das Lesen vorgesehenen digitalen Geräten wie dem Kindle oder dem Tolino halte sich in Grenzen. Und auf den Smartphones und Tablets konkurriere das Lesen mit der nächsten Whatsapp-Nachricht, einem Youtube-Clip oder dem raschen Blick in die Facebook-Timeline. Ablenkung sei ein Merkmal dieser Geräte, und es könne auch zum Merkmal von Texten werden, die eigens für diese Geräte entstanden seien. „Das Lesen hat Effekte, die wir nicht bewusst suchen, die aber beim Lesen gedruckter Texte gut zum Tragen kommen“, erläutert van der Weel: „der Rückzug aus der sozialen Umwelt, die Anregung der Phantasie, die Entwicklung von Empathie, die Entwicklung und Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und der Disziplin, die Erweiterung des Wortschatzes oder abstraktes Denken. Wir werden sehen, inwieweit das Lesen am Bildschirm das ersetzen kann.“ Der Wissenschaft müsse es jetzt darum gehen, möglichst viele der unbeabsichtigten Effekte der Bildschirmtechnologie zu erkennen, um Vorhersagen treffen zu können, statt einfach abzuwarten, was passiert.

So ungesichert unser Wissen über die Auswirkungen der Technik notwendigerweise ist, so groß ist der - künstlich erzeugte - Druck, sie einzusetzen: Der Versuch von IT-Firmen, Einfluss auf politische Entscheidungsträger und den Bildungsmarkt zu nehmen, sei enorm, sagt van der Weel. Die Unternehmen böten ihre „Lösungen“ mit der unheimlichen Warnung an, man müsse gerade im Einsatz von Technologien auf der Höhe der Zeit bleiben, um nicht zurückzufallen. Ein Schreckgespenst: „Derzeit fehlt jede gesicherte Erkenntnis, dass digitales Lesen die Auswahl an Bildungswerkzeugen wirklich sinnvoll ergänzt.“

Für Erstklässler eine klare Sache

Im Gegenteil: Anezka Kuzmicova berichtet von einer Erhebung der Lesegewohnheiten von Studenten in sechs europäischen Ländern. Die Teilnehmer hätten angegeben, lieber mit gedruckten Büchern statt mit E-Books zu lernen, weil sie den Eindruck hätten, sich das Gelesene so besser merken zu können. Im Jahr 2012 hatte Anne Mangen mit Kollegen fünfzehn und sechzehn Jahre alte norwegische Schüler Texte auf Computerbildschirmen und gedruckt lesen lassen. Sie konnte ebenfalls feststellen, dass die Lektüre auf Papier das Verständnis der Texte erleichtert. Im selben Jahr hatten Rakefet Ackerman und Tirza Lauterman Studenten unter Zeitdruck gedruckte und auf Bildschirmen angezeigte Texte lesen lassen, um ihnen anschließend Verständnisfragen zu stellen. Auch dabei hatte sich gezeigt, dass die Probanden nach der Lektüre auf Papier den Text besser begriffen haben - allerdings nur unter Zeitdruck: Ohne Vorgaben ließ sich kein signifikanter Unterschied feststellen. Man müsste erforschen, sagt Anne Mangen, wie das vertiefte Lesen auf Bildschirmen erleichtert werden könnte, um sicherzustellen, dass auch junge und sich noch entwickelnde Leser die Fähigkeiten ausbilden, die für diese Art des Lesens nötig sind. Die Harvard-Professorin Maryanne Wolf spricht von „kognitiver Geduld“, jener Millisekunde, die es zusätzlich braucht, um dichtere, komplexere, geistig und vielleicht auch emotional forderndere Texte zu lesen.

Was aber ist mit denen, die nichts anderes gewohnt sind als Bildschirme? Theresa Schilhab erzählt von Gesprächen mit sieben Jahre alten Schülern einer dänischen iPad-Schule, in der ohne Bücher gelernt wird. Nach ihren Lesegewohnheiten gefragt, berichten die Erstklässler, sie würden am liebsten in die Bücherei gehen, weil die Entscheidung, was sie lesen wollen, bei gedruckten Büchern viel einfacher sei. Und ihnen gefällt, wie leicht es dann geht, gleich mit dem Lesen anzufangen: Man muss ein solches Buch einfach nur aufschlagen!

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