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Gedruckt oder digital? : Die Zukunft des Lesens

Die allgemeinen Vorteile von digitalen Lesegeräten sind nicht von der Hand zu weisen: ihre Speicherfähigkeit, die leichte Verfügbarkeit schier grenzenloser Textmengen, die Möglichkeit, die Größe der Buchstaben und die Helligkeit des Hintergrunds auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Wer in Texten sucht oder den Verweisen auf andere Texte direkt nachgehen will, wird die Vorteile des Bildschirmlesens schätzen. Sie beschränken sich allerdings nicht aufs wissenschaftliches Arbeiten, darauf weist die Kulturwissenschaftlerin Anezka Kuzmicova von der Universität in Stockholm hin: Leser könnten dank der Smartphones nicht nur jederzeit und überall mit ihrer Lektüre fortfahren, sie könnten sie sich auch ihren Bedürfnissen entsprechend vorschlagen lassen – stimmungs, zeit- oder ortsabhängig. Sie selbst sei als Mutter zweier kleiner Kinder derzeit froh über multifunktionale Geräte, die sich mit einer Hand bedienen ließen. Das Lesen dicker Bücher werde für sie vorerst ein Luxus bleiben.

Eine Abwendung von der erfassbaren Welt

Andererseits hat das Lesen am Bildschirm auch seine Nachteile. In ihrem zwei Jahre alten Buch „Words On Screen“ fasst die Linguistin Naomi Baron den Forschungsstand so zusammen: Das Lesen gerade längerer Texte sei auf dem Bildschirm schwieriger, das vertiefte Lesen, das Erinnern des Gelesenen, der persönliche Zugang und die emotionale Beteiligung fielen schwerer. Das Erinnerungsvermögen, erklärt der Niederländer Adriaan van der Weel, Buchwissenschaftler an der Universität Leiden, werde durch die physische Verortung des Gelesenen begünstigt: Wir verknüpfen bestimmte Textpassagen mit ihrer Position in einem konkreten Buch. Wenn wir beim Lesen scrollen oder auf demselben Gerät verschiedene Texte läsen, werde das verhindert.

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Theresa Schilhab, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Aarhus, sieht diesen Verzicht auf physische Anker, der mit dem Gebrauch digitaler Multifunktionsgeräte einhergeht, in noch größerem Rahmen: Schon Babys würden mit iPads beruhigt, abgelenkt oder unterhalten und wendeten sich immer weniger der gegenständlichen, physischen Welt zu. Unsere unmittelbaren Erfahrungen nähmen ab. Das multimediale Füllhorn führe dazu, dass wir uns mit der wirklichen Welt immer weniger beschäftigten. „Ich möchte nicht nahelegen, dass diese Entwicklung ein Irrweg ist“, formuliert die Forscherin vorsichtig, „aber ich wäre froh, wenn wir uns ernsthafter mit den Folgen beschäftigen würden, die das für unser Lernen oder für unser Verständnis von der Welt haben könnte.“

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