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Friedenspreis für Amartya Sen : Das falsche Signal

Ein großer Name kommt zur Buchmesse nach Frankfurt: Amartya Sen wird den Friedenspreis erhalten. Bild: Picture-Alliance

Die politischste aller Literaturauszeichnungen geht in diesem Jahr an den indischen Ökonom Amartya Sen. Er ist ein würdiger Preisträger im Sinne des Preises, aber in diesem Jahr das falsche Signal.

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          Die Wahl von Amartya Sen zum diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels ist überraschend. Nicht, weil der indische Ökonom und Philosoph nicht das erfüllen würde, was diese Auszeichnung qua Satzung definiert: ihre politische Komponente. Da ist Sens Wirken eindeutig. Er ist tatsächlich der „Vordenker, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt und dessen Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit heute so relevant sind wie nie zuvor“, wie der Stiftungsrat seine Entscheidung begründet.

          Man darf sich jedoch wundern, dass der Friedenspreis in diesem Jahr nicht nach Amerika gegangen ist, und zwar an einen Schriftsteller, der sich in der aktuellen Debatte um Rassismus in den Vereinigten Staaten engagiert. Aber jemand wie zum Beispiel Colson Whitehead, der erst vor kurzem seinen zweiten Pulitzerpreis entgegennehmen konnte und derzeit wie kein anderer als literarische Stimme des schwarzen Amerikas gilt, versteht sich vorrangig als Schriftsteller, nicht als Aktivist, und so ist der Friedenspreis an ihm vorübergegangen.

          Bei Sen, dem 1933 geborenen Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1998, ist das anders. Mit ihm wird wieder einmal ein Lebenswerk abseits vorrangig tagespolitischer Aktualität geehrt. Das ist ein Charakteristikum der jüngeren Entscheidungen über diesen Preis. Aber drei Jahre nachdem er an die Kanadierin Margaret Atwood ging, wäre es auch mal wieder an der Zeit für einen Schriftsteller gewesen, so sehr auch der Fotograf Sebastiao Salgado (2019) und das Kulturwissenschaftler-Ehepaar Aleida und Jan Assmann (2018) der gewünschten politischen Komponente entsprachen. Gemessen an der Zahl der Ausgezeichneten und vor allem von seinem Träger her, dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, ist der Friedens- vorrangig ein Literaturpreis, auch wenn in der Satzung ausdrücklich „Wissenschaft und Kunst“ mitberücksichtigt sind. Und in diesem Jahr, in dem der Buchhandel extrem unter den Corona-Einschränkungen leidet, wäre ein populärer Schriftsteller besonders willkommen gewesen – symbolisch wie auch kommerziell.

          Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis wird am 18. Oktober in der Frankfurter Paulskirche an Sen übergeben, also wie immer am Sonntag der Buchmessewoche. Darauf hatte sich der Börsenverein schon festgelegt, als noch gar nicht feststand, ob die diesjährige Buchmesse überhaupt ausgerichtet werden könnte. Nun soll sie ja stattfinden, aber immer noch steht in Frage, ob überhaupt prominente Autoren und viele große Verlage – und damit Publikumsmagneten – dort vertreten sein werden, nachdem die Sorgen um etwaige Ansteckung immer noch groß sind und die wichtigsten deutschen Verlagskonzerne keine Stände unterhalten werden. Auch das Gastland Kanada wird vor allem virtuell vertreten sein. Da kann die Durchführung der Friedenspreisverleihung zum gewohnten Termin und in üblicher Form nur nutzen, um zumindest einen wichtigen Messe-Aspekt zu garantieren. Dass man mit der Auszeichnung von Sen nun wohl die physische Anwesenheit eines großen Namens in Frankfurt gesichert hat, wird, da er kein literarischer Star ist, über die vielen Schriftsteller, die man im Oktober in Frankfurt vermissen dürfte, kaum hinwegtrösten.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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