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Französischer Bücherherbst : Vom Ende der Sorglosigkeit

Französische Fahnen in Hede-Bazouges, nördlich von Rennes, während des nationalen Gedenkens an die 130 Personen, die am 13. November in Paris getötet wurden. Bild: AFP

Höret unsere Niederlagen: Der französische Bücherherbst wappnet sich in Zeiten von Krieg und Terrorismus mit den neuen Fragen über physische und seelische Zerstörungen.

          Romain Roller war in Afghanistan. Auf Zypern werden die französischen Soldaten drei Tage lang im Fünf-Sterne-Hotel auf die unmögliche Rückkehr in die Normalität vorbereitet. Er begegnet der Journalistin Marion, die eine Reportage über die traumatischen Auswirkungen des Krieges auf die jungen Männer schreibt. Ihr Erstlingsroman hatte einiges Aufsehen erregt und die Neugierde des Telekom-Unternehmers François Vély geweckt. Er verließ seine Gattin, die in ihrer Verzweiflung vor dem kleinen Sohn aus dem Fenster springt, und heiratete die zwei Jahrzehnte jüngere Reporterin. Im Laufe der Handlung wird Vély durch das Porträt in einer Zeitung als Jude geoutet - eigentlich heißt er Lévy, für seine Herkunft und Religionen hatte er sich nie interessiert. Die eher harmlose „Enthüllung“ durch einen jüdischen Journalisten, dem er zu assimiliert ist, wird zu seinem Todesurteil.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Marion betrügt ihn mit Roller, der sich im Krieg von seiner Frau und seinem Söhnchen entfremdet hat. Er kommt nicht darüber hinweg, dass seine Einheit unter seiner Verantwortung in einen Hinterhalt geraten war, bei dem ein Jugendfreund aus der Banlieue sein Leben verlor und ein anderer verstümmelt wurde. Gemeinsam hatten sie sich, weil es für sie keine andere Perspektive gab, zum Dienst in der Armee gemeldet - der vierte im Bunde bestand die Aufnahmeprüfung nicht und entwickelte sich zum fanatischen Islamisten. Sie waren zur Zeit der Jugendunruhen 2005, die jetzt in die Literatur Einzug halten, die besten copains der Welt. Damals spielte Osman Diboula eine wichtige Rolle als Betreuer und Vermittler. Er dient später einem konservativen Präsidenten als Alibi und Berater im Elysée. Seinem Aufstieg - er ist der Sohn von Migranten aus Afrika - folgt der tiefe Fall, den ihm seine Frau, Mischling und Redenschreiberin des Staatschefs, nicht verzeiht. Diboula ist in Karine Tuils zehntem Roman „L’Insouciance“ die vierte Hauptfigur.

          Gedankenspiele über das Heilige

          Ein weißer Soldat, der gegen die Taliban kämpft, ein jüdischer Milliardär, ein Schwarzer und eine blonde Journalistin: so viel multikultureller Gegenwartsbezug war schon lange nicht mehr in einem französischen Roman. Er spielt im Krieg, in den Vorstädten und in den höchsten Sphären der wirtschaftlichen wie politischen Macht, führt nach New York und in die Abgründe der menschlichen Psyche. Keiner geht unversehrt aus der Handlung hervor. Seine Autorin Karine Tuil hat vor drei Jahren mit „L’Invention de nos vies“ den Prix Goncourt nur knapp verpasst. Inzwischen hat sie Grasset verlassen und wird jetzt von Gallimard verlegt. Der Anspruch ihres Fünfhundert-Seiten-Romans ist hoch.

          In „Sorglosigkeit“ geht es um die Gewalt in der Gesellschaft, die eine einzige Kampf- und Chaoszone ist, und ihr „einziges Gesetz der Verrat“. Wie Michel Houellebecq schreibt Karine Tuil manchmal leicht schludrig. Aber „L’Insouciance“ liest sich nicht weniger mitreißend als „Unterwerfung“. Der Roman ist wie eine amerikanische Fernsehserie mit raschen Szenenwechseln konzipiert und enthält zahlreiche Anspielungen auf real existierende Figuren: François Vély entspricht in vielerlei Hinsicht Xavier Niel, dem Aktionär von „Le Monde“ und Eigentümer des Telekom-Konzerns „Free“, der seine Karriere mit Sex-Telefondiensten begann und wegen Zuhälterei einen Monat im Gefängnis verbrachte.

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