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Französischer Bücherherbst : Vom Ende der Sorglosigkeit

Lasst euch nicht die Worte stehlen!

Es ist der erste Bücherherbst im Zeichen der Anschläge. Der Literatur kann der brutale Einbruch der Gegenwart auf Kosten der selbstverliebten „Autofiktion“ nur guttun. Die Ernte fällt reicher aus als in den vergangenen Jahren - darin sind sich die Kritiker einig. Julien Sudeau schreibt in „Ni le feu ni la foudre“ über fünf Tote des 13. November. Fouad Louari thematisiert die Radikalisierung eines jungen Franzosen marokkanischer Herkunft und dessen Weg nach Syrien. Der auch im deutschen Sprachraum erfolgreiche Erik-Emmanuel Schmitt nimmt in „L’homme qui voyait à travers les visages“ eine Reihe von Bombenexplosionen in Charleroi zum Anlass von Gedankenspielen über das Heilige und die Gewalt. Der Bestsellerautor evoziert einen Gott, der sich über den Fanatismus seiner Gläubigen beklagt. Um eine Mutter, deren Erinnerungen an die Attentate zu einer Obsession geworden sind, und die zerstörte Beziehung zu ihrem Sohn geht es in Laurent Mauvigniers großartigem Roman „Continuer“.

Ein herrliches Buch legt auch Laurent Gaudé vor: „Ecoutez nos défaites“ - Höret unsere Niederlagen. Gaudet literarisiert die Leiden der Bevölkerung, die mit den Attentaten des Islamischen Staats und den Bomben der Koalition, die den Krieg gegen ihn führt, leben muss. Der Schriftsteller fasst die physischen und die seelischen Zerstörungen in Sprache: „Lasst euch von der Welt nicht die Worte stehlen.“

Überleben im Lesen

In den Irak führt auch Karin Tuil ihre vier Figuren. Romain Roller arbeitet als Söldner im Bereich der Sicherheit. Nachdem Vély/Lévy von einer Medienkampagne als Rassist vorgeführt wurde, war ihm Osman Diboula zu Hilfe geeilt. Die „Unterstützung des Juden durch den Schwarzen“ eröffnete Diboula den Weg zurück aus der Depression und nun ins Zentrum der Macht. Er wurde Minister und organisiert eine Reise französischer Unternehmer in den Irak. Vély nimmt vor allem teil, weil er weiß, dass sich der Geliebte seiner Frau - die ihn begleitet - in Bagdad aufhält. Es kommt zu einem tödlichen Attentat, bei dem Roller seine Schutzbefohlenen wieder einmal nicht schützen, Diboula aber flüchten kann und Lévy entführt wird. Nach langer Gefangenschaft schneiden ihm die Islamisten die Kehle durch und stellen das Video von der Hinrichtung ins Internet.

Am Ende schreibt Marion keinen zweiten Roman mehr und auch keine Reportagen. Sie befindet sich mit Roller in einem kleinen Hotel in den Alpen - eine Zukunft haben sie nicht. Nur noch im Lesen gibt es ein Überleben, und das ist gewissermaßen die Moral dieser unmoralischen Geschichte. François Vélys Vater hat Marion ein paar Bücher für den weiteren Lebensweg mitgegeben, unter ihnen befindet sich Jorge Semprúns „Schreiben oder Leben“. Die Eloge der Literatur fällt eher schwach aus.

Karine Tuil steht derweil in den Startlöchern für die Literaturpreise. Auch beim Goncourt ist sie im Rennen. Als Star dieser Rentrée littéraire wurde sie für die Illustrierte „Paris Match“ von Valérie Trierweiler interviewt, der von Präsident Hollande aus dem Elysée verstoßenen „Première Dame“. Die Literaturkritikerin lobt den Realismus vom Tuils Beschreibung des politischen Milieus. Am liebsten, erklärt die Schriftstellerin, würde sie als nächstes über den anstehenden Wahlkampf schreiben.

Nicolas Sarkozy hatte Yasmina Reza die scharfe Beobachtung aus nächster Nähe ermöglicht. Hollande wiederholte das Experiment mit dem Schriftsteller Laurent Binet ohne Fortüne. Für einen Kandidaten, dem Karine Tuil folgen möchte, hat sich die Autorin bisher nicht ausgesprochen.

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