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Codename Versailles : Frankreichs Buchwelt rätselt über einen geheimen Megaseller

  • -Aktualisiert am

In einem Pariser Buchladen Bild: Picture-Alliance

In Paris kursiert eine Zahl: zweihundertfünfzigtausend. In dieser Auflagenhöhe soll im September ein Buch auf den Markt kommen, über das man nicht viel weiß. Aber doch genug, um eine Branche in Aufruhr zu bringen.

          Wenn sich Anfang Juli in Paris zwei Menschen, die „irgendwas mit Büchern“ machen, treffen, dann steht die Dramaturgie des Gesprächs schon fest: Erst wird über den Sommer gesprochen. Diese vier bis sechs Wochen Urlaub, in denen sich die Gesellschaft von Saint-Germain-des-Prés ganz selbstverständlich und quasi ausnahmslos zwischen Korsika und ein paar griechischen Inseln (am liebsten Patmos) aufteilt, nur um sich dort „zufällig“ („Ihr, hier?“) im Strandtuch zu begegnen.

          Dann, nach dieser Einleitung, einer Formsache, pirscht man sich langsam an das eigentliche Thema heran: Die „rentrée littéraire“. Die Rentrée ist nicht nur der Auftakt der Buchsaison, nicht nur der Moment, in dem die meisten Bücher (in diesem Jahr „nur“ 524 Romane, der schwächste Stand seit zwanzig Jahren) auf den Markt geschwemmt werden, sondern vor allem auch der, an dem sich alles entscheidet: die großen Literaturpreise, das Geld. Es ist der einzige Moment, in dem sich der eher unglamouröse Literaturbetrieb kurz sehr glamourös fühlen darf. Alle haben darauf hingearbeitet und erwarten den Moment mit einer gewissen Anspannung. Einen Verleger muss man deshalb vorsichtig fragen, nebenbei, so als sei es auch egal: „Und, was habt ihr so im Programm?“

          Es folgt ein kleines Spiel der Verführung: Triumphierendes Lächeln, kurzes Schweigen, bisschen mysteriös gucken, noch mal schweigen, dann ein paar Namen nennen, die nichts Neues verraten und somit die Phantasie befeuern, da verberge sich etwas ganz Großes. Beim Verlag Albin Michel heißt es: Amélie Nothomb. Seit 1992 bringt die Autorin jedes Jahr im September einen Bestseller heraus, ein Scoop ist das nun wirklich nicht. Bei Seuil nennt man Patrick Deville, der alle zwei Jahre erfolgreich liefert, und Kaouther Adimi, die zuletzt für alle Preise nominiert war. Bei Grasset hört man von etablierten Autoren wie Laurent Binet und Sorj Chalandon. Gallimard hat einen neuen Patrick Modiano im Gepäck. Bei P.O.L kommt etwas von Marie Darrieussecq. So weit nichts Unerwartetes.

          Mitte Juli berichtete „Le Monde“ dann aber von „dem Buch, das die Verleger in Panik versetzt“: Seit Wochen schon, hieß es, gehe das Gerücht herum, ein unbekannter Autor werde in einem unbekannten Verlag ein Buch herausbringen, das so erfolgversprechend sei, dass die Erstauflage bei ungewöhnlich zuversichtlichen 250.000 Exemplaren liege. Zum Vergleich: Michelle Obamas „Becoming“, das erfolgreichste Memoir aller Zeiten, startete in Frankreich mit 15. 000, nur Michel Houellebecq ging gleich mit 320.000 in den Ring.

          „250.000!? Das entspricht einem Atombombenabwurf über einem nicht gerade florierenden Sektor“, schrieb „Le Monde“ und berichtete, in der Szene würde man panisch versuchen, herauszufinden, welcher Verlag hier mit welchem Autor das Rentrée-Spiel zerbomben will. Alle seien in heller Aufregung: Hat Laeticia Hallyday, die Witwe des Sängers Johnny, ein Enthüllungsbuch über den Erbstreit geschrieben? Oder Brigitte über das Leben im Élysée-Palast? Hat Houellebecq einen Roman über den Präsidenten verfasst? Oder der kürzlich verstorbene Jean d’Ormesson noch ein unveröffentlichtes Manuskript herumliegen gehabt?

          Bisher wurde über dieses „mysteriöse Buch“, das angeblich den Codenamen „Versaille“ trägt, nichts weiteres bekannt. Die Buchhändler fragen sich, wie sie mit einem Titel umgehen sollen, über den sie nichts wissen. Die Verlage wirken ungläubig: „Vielleicht wird mich die Zukunft eines Besseren belehren“, sagt Olivier Nora, Verlagsleiter von Grasset, „aber für mich klingt das extrem unwahrscheinlich.“ Keine der erwogenen Hypothesen würde eine solche Auflage rechtfertigen, zumal ein Buch ohne Verlag quasi nicht plazierbar sei. Manuel Carcassonne, Leiter von Stock, lacht nur hämisch: „Für mich sagt diese Geschichte vor allem viel über unsere Branche: Sie liegt im Sterben und träumt von einer Dosis verlegerischem Viagra.“ Wer hat recht? Der September wird es zeigen.

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