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Stroemfeld-Verlag insolvent : Einst, als wir lasen

Verleger Wolff im Jahr 2010 beim vierzigjährigen Jubiläum des Verlags in der Frankfurter Nationalbibliothek Bild: Frank Röth

Der Frankfurter Stroemfeld-Verlag, der mit seinen Werkausgaben Maßstäbe setzte, hat Insolvenz angemeldet. Den langen Kampf mit schwindenden Käuferzahlen konnte er nicht mehr gewinnen. Über das Ende eines Geschäftsmodells.

          Der Frankfurter Verlag Stroemfeld hat seinen heutigen Namen aus einer rätselhaften Verszeile von Friedrich Hölderlin. 1970 war er von Karl Dietrich „KD“ Wolff im Umkreis linksradikaler Gruppen unter dem Namen „Roter Stern“ gegründet worden. Das erste Buch war eine „Black Panther“-Broschüre. Weithin bekannt wurde der Verlag aber durch seine Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, die viele germanistische Zöpfe abschnitt. Von 1975 bis zu ihrem Abschluss im Jahr 2008 setzte sie durch ihre manuskriptnahen Umschriften und Faksimiles ihrer Quellen editionsphilologische Maßstäbe. Ihre Finanzierung verdankte sich bemerkenswerterweise auch einer Initiative des Alt-Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU).

          Es folgten weitere Werkausgaben, die größte Nähe zu den Originalen der Dichter und ihren oft wilden Handschriften anstrebten, beispielsweise von Gottfried Keller, Heinrich von Kleist, Robert Walser und Georg Trakl. Bei Stroemfeld erschienen aber auch die Vorlesungen des großen Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich, die Werke des Kulturhistorikers Klaus Theweleit, die Goethe-Biographie Kurt Eisslers und die Romane Peter Kurzecks sowie eine Ausgabe des Code Napoléon.

          Die Universitätsbibliotheken ordern kaum noch

          Am vergangenen Dienstag nun hat der Stroemfeld-Verlag für seinen Frankfurter Geschäftsteil – es gibt einen davon nicht betroffenen Schweizer Part – Insolvenz beantragt. Der inzwischen fünfundsiebzigjährige Wolff hat den jahrelangen Kampf mit schwindenden Käuferzahlen insbesondere der Werkausgaben nicht länger gewinnen können.

          1500 Subskribenten, erläutert er im Gespräch mit dieser Zeitung, hatte binnen Wochen einst die Hölderlin-Ausgabe. Eines der größten Projekte des Verlags, die auf 25 Bände angelegte Werkausgabe Franz Kafkas, hat es demgegenüber seit ihrem Beginn vor mehr als zwanzig Jahren nur auf vierhundert Besteller gebracht. Wo früher von wissenschaftlichen Werken eintausend Exemplare verkauft wurden, sind es heute oft noch gerade zweihundert. Die deutschen Universitätsbibliotheken, einst verlässliche Abnehmer Stroemfelds, ordern kaum mehr etwas; nur die japanischen und amerikanischen waren bis zuletzt gute Kunden.

          Durch Gerichtsurteile, die den Hochschulen das elektronische Kopieren von Büchern zu Lehrzwecken erlauben, hat sich das Geschäft der Produzenten, das ohnehin stets nahe der Selbstausbeutung verlief, zusätzlich erschwert. Die urheberrechtliche Stärkung der Autoren bei der VG Wort zwang Verlage zuletzt überdies zu erheblichen Rückerstattungen. Was dabei für große Verlage eine momentane Gewinneinbuße war, geht bei Kleinverlagen wie Stroemfeld schon bei fünfstelligen Summen an die Substanz. Hinzugekommen sind Preiserhöhungen im sich immer stärker konzentrierenden Druckgewerbe. Wer eine Ausgabe von Kafkas „Schloss“ in einem Schuber anbietet, den herzustellen in Deutschland nur noch zwei Buchbindereien imstande sind, sieht sich erheblichem Kostendruck bei schrumpfender Interessentenzahl gegenüber.

          Andere werden folgen

          Über 1968, dessen Extremen KD Wolff einst verbunden war, hat sein Autor Klaus Heinrich einmal als „letzte Liebeserklärung an die deutsche Universität“ gesprochen. Wie merkwürdig diese Liebeserklärung auch im Einzelnen war, so ging sie doch mit einer zeitweiligen Blüte des Buchbesitzes einher. Das expandierende akademische Milieu kaufte selbst Bücher, die es gar nicht zu lesen beabsichtigte; man denke nur an den „Tractatus“ Ludwig Wittgensteins, Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ und „Soziale Systeme“ oder eben an handschriftengetreue Bände mit allen Zetteln Hölderlins.

          Das rätselhafte Buch als solches, sein Geist und sein Körper hatten einen symbolischen Mehrwert. Man interessierte sich an den Universitäten nicht nur für Spezialgebiete, sondern auch für alle Arten von Theorien, nicht zuletzt für die Psychoanalyse, die bei Stroemfeld prominent vertreten war. Viele studierten in abschweifenden Lektüren und legten sich Heinrichs großartigen Logik-Kurs „Tertium datur“ oder die „Männerphantasien“ auch dann zu, wenn sie weder Religionswissenschaft belegt hatten noch sich primär für das Triebleben von Faschisten interessierten – sondern, weil sie gehört hatten, es stehe etwas Überraschendes darin. Sie wurden nicht enttäuscht.

          Diese Zeit ist zu Ende gegangen. Nicht alle Schwierigkeiten einer Firma wird man auf den Einstellungswandel ihrer denkbaren Kundenkreise zurückführen können. Womöglich ist aber ein Geschäftsmodell erschöpft, das sich stark auf die Universität und den in Deutschland immensen Anteil an Geisteswissenschaftlern in ihr verlassen hatte. Insofern muss befürchtet werden, dass Stroemfeld nicht der letzte Verlag sein wird, der dem veränderten Kauf- und Leseverhalten von Lehrern, Professoren, Bibliothekaren und Studenten zum Opfer fällt.

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