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Frankfurter Buchmesse light : Prognose oder Drohung?

Die Auskunft sorgte für böses Blut in der Branche: Die Buchmesse 2020 soll stattfinden. Aber ganz anders als sonst. Bild: AP

Die Buchmesse soll stattfinden. Aber ohne die bekanntesten Verlage, ohne echten Gastlandauftritt und ohne außereuropäische Aussteller. Die angekündigte „Sonderedition“ hat nur eine Chance.

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          Verlage, die sich in den letzten Wochen beim Börsenverein als dem Ausrichter der Frankfurter Buchmesse erkundigten, ob die diesjährige Veranstaltung, für die man sich bis zum 31. Januar hatte anmelden müssen, überhaupt stattfinden könne, erhielten neben dem Verweis auf eine Entscheidung darüber, die bis Ende Mai ergehen werde, gern auch einen Hinweis auf Punkt 9 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen ihrer Verträge.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Darin ist geregelt, dass bei Absage der Buchmesse durch höhere Gewalt die Aussteller bis zu einer Höhe von fünfzig Prozent des für die Standfläche vereinbarten Mietzinses in Anspruch genommen werden können, um bereits entstandene Kosten zu decken. Kosten der Messe natürlich; auf den eigenen würden die Aussteller ohnehin sitzenbleiben, und dann käme diese finanzielle Forderung noch dazu.

          Die Auskunft sorgte für böses Blut in der Branche, und das machte dem Börsenverein klar, was eine Absage der Buchmesse bedeuten würde: nachhaltige Verärgerung der Kundschaft, und zwar weniger über den Ausfall selbst – dafür hätte in Corona-Zeiten Verständnis geherrscht – als über die dann drohende Bezahlung für nichts. Mittlerweile hat die Geschäftsführung der Messe erklärt, bei einer Corona-bedingten Absage auf Standmieten komplett zu verzichten. Aber damit wurde es nun existenzgefährdend für die Frankfurter Veranstaltung selbst. Das wird ein wichtiger Faktor gewesen sein bei der nun verkündeten Entscheidung, die nächste Buchmesse tatsächlich stattfinden zu lassen. Als „Sonderedition“, wie der Buchmesse-Direktor Juergen Boos es genannt hat.

          Nicht ohne Verzicht

          Das klingt nach Exklusivität, und genauso wird es auch sein: Die Besucherzahl auf der für Mitte Oktober terminierten Messe wird in diesem Jahr drastisch zurückgehen: 20000 Menschen werden sich nach derzeitigem Stand gleichzeitig auf dem Messegelände aufhalten dürfen; 2019 kamen zur Buchmesse an ihren fünf Tagen insgesamt mehr als 300000 Besucher, und dabei sind die Aussteller nicht berücksichtigt. Die Zahl der Stände wird sogar noch drastischer reduziert sein; aktuell rechnet die Buchmesse nur mit einem Viertel der letztjährigen Beteiligung von rund 7500 Ausstellern, obwohl es laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen nach Anmeldeschluss gar kein Rücktrittsrecht mehr für sie gegeben hätte.

          Aber die Messe wird ihnen entgegenkommen und die eigentlich fälligen Gebühren entfallen lassen. Sie muss das sogar, denn wenn alle Angemeldeten kämen, wäre die „Sonderedition“ zum Scheitern verurteilt. Zu deren Besonderheiten gehören nämlich breitere Gänge und Abstände zwischen den einzelnen Ständen – und das bei insgesamt gegenüber den Vorjahren reduzierter Hallenfläche. Das geht alles gar nicht ohne Verzicht auf sehr viele Aussteller.

          Wer wird auf dem Messegelände nun konkret fehlen? Zuerst einmal die meisten außereuropäischen Gäste. Juergen Boos spricht für diesen Jahrgang bereits von einer „europäischen Buchmesse“. Das wirft die internationale Ausrichtung zurück, auf die Frankfurt in den letzten Jahren immer stärker gesetzt hatte, aber wie soll man anders agieren, wo doch gerade am Tag der Entscheidung über die Ausrichtung der Buchmesse neue Schreckensmeldungen über die Corona-Ausbreitung in Indien und Brasilien kamen, zweien der bislang größten Wachstumsmärkte im Buchgeschäft? Wegen der Teilnahme von asiatischen Ausstellern ist Boos skeptisch, mit nord- und südamerikanischen rechnet er gar nicht – was auch heißt, dass es keinen Auftritt des diesjährigen Gastlandes Kanada in Frankfurt geben wird. Abgesehen von virtuellen Veranstaltungen, über die man sich geeinigt habe.

          Zauberwort „virtuell“

          Aber viel wichtiger: Nicht mit Ständen vertreten sein werden auch die großen deutschen Verlagsgruppen Holtzbrinck, Random House und Bonnier, konkret gesprochen also alle deren Häuser, darunter Verlage wie S.Fischer, KiWi, Rowohlt, Penguin, Goldmann, Luchterhand, Piper, Ullstein, Carlsen oder Manesse, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Mit den Konzernen, so teilt die Buchmesse mit, habe man „die Idee eines neuen Veranstaltungskonzepts im Rahmen der Messe“ initiiert.

          Die Formulierung ist interessant, denn wie soll man ohne reale Präsenz „im Rahmen der Buchmesse“ agieren, wenn die ganzen digitalen Formate explizit doch nur als „Rahmenprogramm“ gelten? Sind die genannten Verlage nun drin oder draußen? Lesungen und Diskussionsrunden mit ihren Autoren soll es auf dem Messegelände (vor allem im Außenbereich) und in der Stadt geben. Und natürlich fällt immer wieder das Zauberwort „virtuell“. Aber Hand aufs Herz nach nunmehr zehn Wochen Erfahrung mit Kulturvermittlung im Netz: Wer will das?

          Dass „das Virtuelle die persönliche Begegnung nicht ersetzt hat“, war für Juergen Boos gestern auf einer Video-Pressekonferenz ein wichtiges Argument für die Durchführung der Messe, und just diese Schaltung mit ihren technischen Mängeln bestätigte ihn unfreiwillig darin. Aber das Virtuelle wird notgedrungen nun besonders betont beim Konzept der „Sonderedition“, deren wenige Präsenzveranstaltungen kombiniert werden sollen mit „zukunftsweisenden digitalen Formaten“. Das richtet sich an die breiten Leserscharen, mit denen der Erfolg der Frankfurter Buchmesse verknüpft ist, seit sie 1947 als publikumsoffene Veranstaltung die Nachfolge der ehedem nur Fachbesuchern vorbehaltenen Leipziger Messe angetreten hat.

          Ein enormes Defizit

          Aber für Aussteller zählt der virtuelle Auftritt nicht: Sie wollen eben die unersetzliche persönliche Begegnung, für eine Geistermesse zahlen sie nicht. Und da sie nun der Rücktritt vom Vertrag mit der Buchmesse nichts mehr kostet, werden nach den großen Konzernverlagen auch viele unabhängige kleinere und mittlere auf Frankfurt verzichten. Auf die Frage, welche Aussteller noch Zugpferde für die Messe sein könnten, wenn die bekanntesten Publikumsverlage ausfallen, antwortete Juergen Boos: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Mutmaßlich wird das dann auch bei den Lesern in eine Entscheidung gegen den Messebesuch münden.

          „Wir werden ein enormes Defizit einfahren in diesem Jahr, egal, wie es läuft, aber das ist unsere Dienstleistung für die Branche“, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Das Land Hessen hat sich immerhin bereit erklärt, dieses Defizit teilweise auszugleichen – in der Hoffnung, die Frankfurter Buchmesse als Institution zu bewahren. Die große Gefahr der abgespeckten „Sonderedition“ ist jedoch, dass es für die, die gar nicht erst dort auftauchen, auch weitergeht und die Teilnehmer in ihren Erwartungen enttäuscht werden. Die Chance der „Sonderedition“? Dass die Branche dieses Wagnis honoriert. „Es muss Begeisterung auslösen bei den Ausstellern“, sagte Kathrin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins, gestern auf der virtuellen Pressekonferenz. Ob man diesen Satz als Prognose werten soll oder als Drohung, liegt im Auge des Betrachters.

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