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Offenbach Autor Frank Witzel : Und kein Abend bringet Ruh

Studenten der HfG Offenbach illustrieren das Feuilleton zum Thema Offenbach. Bild: Katharina Holl

Nichts hat ihn bislang aus Offenbach vertreiben können, weder der Fluglärm noch der überteuerte Nahverkehr. Doch einiges muss sich ändern, sonst könnte der Schriftsteller Frank Witzel auch bald anderswo sein.

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          Wer heute nach Offenbach kommt und dafür wie durch ein Höllentor zunächst die monströse Dauerbaustelle am Kaiserleikreisel passieren muss, dem fällt es schwer zu glauben, wie wunderschön die Stadt am Main um 1800 gewesen sein muss; mit strahlenden Palaisbauten und verträumten Landhäusern, mit Säulen und Kolonnaden und herrlichen Gärten, die das Flussufer säumten. Goethe schwärmte von Offenbach nicht nur, weil er so verliebt war in Lili Schönemann, mit der zusammen er oftmals von Frankfurt über den Main nach Offenbach spazierte.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Seit Jahren versucht sich Offenbach in architektonischer Wiedergutmachung: Die öden Nachkriegsbauten, die vor allem der Stadt den Ruf eines der unwirtlichsten deutschen Orte eintrug, werden teilweise um- oder zurückgebaut. Doch es geht nur langsam voran. Die geplante Umgestaltung des Marktplatzes, mit der am 16. Juli begonnen werden sollte, ist gerade erst wieder aufgeschoben worden. Zu teuer, zu aufwendig, heißt es bei der Stadt. Dabei verdient der Ort mitten im Zentrum nicht einmal seinen Namen, handelt es sich bei ihm in Wahrheit doch um eine vielbefahrene Durchgangsstraße, die, gesäumt von Bushaltestellen und S-Bahn-Station, Zweckbauten und Fastfood-Restaurants, jeden Fußgänger in die Flucht treibt.

          Wenn der Schriftsteller Frank Witzel von Marktplatz spricht, meint er deshalb wie die meisten, die in Offenbach leben, einen ganz anderen Ort: den Wilhelmsplatz, das heimliche Herz der Stadt. An dem von Gründerzeithäusern gesäumten Karrée, auf dem dreimal pro Woche Bauern aus der Region ihre Ware feilbieten, haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Cafés, Bars und Restaurants angesiedelt. Einheimische gehen mittlerweile lieber wochentags dort einkaufen, weil der Platz am Samstag von Frankfurtern überrollt wird. Frank Witzel wohnt gleich ums Eck, im denkmalgeschützten Mathildenviertel. Seit fast dreißig Jahren lebt er hier, in derselben Straße, in derselben Wohnung, und über die Kontraste und Reibungsflächen seiner Umgebung, ihre Projektionen und Herausforderungen kann er viel erzählen.

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach
          Die Avantgarde-Stadt am Main

          Feuilleton-Spezial zu Offenbach

          Offenbach war jahrzehntelang ein anderer Name für Niedergang. Aber das hat sich geändert: Offenbach ist ein interessantes und für viele mittelgroße Städte modellhaftes Soziotop. Wir haben ihm ein ganzes Feuilleton gewidmet.

          Offenbach-Feuilleton

          Wir treffen uns im Hörsaal der Hochschule für Gestaltung, an der Witzel derzeit als Gastprofessor literarisches Schreiben unterrichtet. Vor zwei Jahren gewann der Zweiundsechzigjährige mit seinem furiosen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis.

          Geboren und aufgewachsen ist er in Wiesbaden in einer Musikerfamilie. Der Gegensatz der saturierten Landeshauptstadt mit ihrem gemächlichen Kurstadt-Tempo und der betuchten Einwohnerschaft zur Industriestadt Offenbach, die seit Jahren an den Folgen des Strukturwandels laboriert, könnte größer nicht sein. Dass hier die Sozialkontrolle nicht so ausgeprägt ist, hält Witzel neben vielem anderen unbedingt für einen Standortvorteil: „In Offenbach kommt niemand mit der Kehrwoche.“

          Die Stadt ist seit jeher Wandel und Fluktuation. Waren es im achtzehnten Jahrhundert die Hugenotten, die sich ansiedelten und kleine Industriebetriebe gründeten, weil Frankfurt sich dafür zu fein war, so kommt heute die ganze Welt nach Offenbach: 159 Nationalitäten leben hier nebeneinander, mehr als sechzig Prozent haben Migrationshintergrund – internationaler ist keine andere deutsche Stadt. „Und das klappt“, sagt Witzel.

          Die Stadt als Underdog

          Die Rede von Offenbach als „Arrival City“ sei nicht bloß ein Lippenbekenntnis, sondern gewachsene Realität. Natürlich gebe es auch Probleme, etwa in manchen Grundschulen, in denen die Lehrer wegen der zu unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen überfordert seien. „Aber im Grunde kommen wir alle gut miteinander aus“, sagt der Schriftsteller, der sich die friedliche Koexistenz auch damit erklärt, dass sich alles mische: Italiener, Portugiesen, Türken, Iraner und Deutsche seien überall in der Stadt anzutreffen und nicht nur in bestimmten Vierteln.

          Umso mehr bedauert er es, dass im Zentrum der Stadt Verödung herrsche: „Der Marktplatz und die konturlose Fußgängerzone verleihen der Stadt etwas Unbedeutendes. Das entspricht nicht dem, was Offenbach ausmacht und schon ein paar Straßen weiter Mathildenviertel zu finden ist.“ Offenbach sei vielgestaltiger als das Bild, das es von sich gebe. Zugleich herrsche eine gewisse Verzagtheit unter seinen Bewohnern, ja ein mangelndes Selbstbewusstsein, was Witzel für kontraproduktiv hält.

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