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Schriftsteller in Bellevue : Steinmeiers beste Rolle

Frank-Walter Steinmeier vergangene Woche im Schloss Bellevue Bild: Andreas Pein

Frank-Walter Steinmeier fühlt sich seit Jahren hingezogen zur Literatur – nur folgte daraus leider nichts für seine Politik, seine Sprache. Kann es sein, dass sich das jetzt ändert?

          Was war das in den vergangenen Jahren manchmal anstrengend mit ihm! Da hatte Frank-Walter Steinmeier, als er noch Außenminister war, Schriftstellerinnen und Schriftsteller in sein Ministerium und auf seine Dienstreisen eingeladen, sie auf Theaterbühnen befragt und moderiert, sogar eine Europäische Schriftstellerkonferenz mit ins Leben gerufen und alles richtig gemacht: Es waren interessante Autorinnen und Autoren, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen. Steinmeier selbst zeigte ein aufrichtiges Interesse an ihren Büchern, die er, wie er in den Diskussionen bewies, allesamt gelesen hatte. Und er konnte sich zu Recht rühmen, Ermöglicher eines Dialogs zu sein, zwischen der Sphäre der Politik und jener der Kultur, deren Protagonisten ihm das mit Gegenliebe dankten und ihn, wenn sie in der Öffentlichkeit von ihm sprachen, gerne beim Vornamen nannten.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem stimmte etwas nicht. Die Literatur schien für Steinmeier eine so gute Sache zu sein, dass er, wenn er mit Autoren auf der Bühne saß, ihnen oft in bewunderndem Ton und mit emsigem Verständnis begegnete. Es kam selten vor, dass er sich öffentlich mit ihnen stritt, ihre Argumente ablehnte oder scharf kritisierte, ganz so, als könnte eine Meinungsverschiedenheit einen Mangel an Kultur bedeuten. So herrschte auf den Veranstaltungen von Frank-Walter Steinmeier meistens eine einschläfernde Einigkeit, ein moralisch-politischer Konsens, an dem sich auch von den Schriftstellern erstaunlich wenige zu stören schienen.

          Was, dachte man, hatten die für einen Literaturbegriff? Und was für einen Begriff von Sprache? Denn merkwürdigerweise hinterließ die Beschäftigung mit Literatur in der Sprache des Politikers Steinmeier keine Spuren. Wenn er das Wort ergriff, war seine Rede formelhaft und durchsetzt mit politischen Floskeln, die ihm seine Schriftstellerfreunde eigentlich um die Ohren hätten hauen sollen.

          Die Schriftsteller Daniel Kehlmann, Salman Rushdie und Eva Menasse zu Gast beim Bundespräsidenten

          Am vergangenen Donnerstag aber war etwas anders. Frank-Walter Steinmeier hatte wieder Schriftsteller eingeladen, diesmal als Bundespräsident ins Schloss Bellevue: Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Salman Rushdie. Es war der Nachmittag jenes Donnerstags, an dem er abends als präsidialer Vermittler Bundeskanzlerin Angela Merkel, Martin Schulz und Horst Seehofer empfangen würde, um die Chancen für eine abermalige große Koalition auszuloten. „Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten“, wie der Titel des Autorengesprächs hieß, passte zum ganzen Tag im Schloss Bellevue. Nur fand das eine Gespräch vor geladenen Gästen statt und das andere hinter verschlossenen Türen.

          Anders war an diesem Donnerstagnachmittag Frank-Walter Steinmeier in seiner neuen Rolle und überraschenderweise waren es auch die Schriftsteller in der Begegnung mit ihm: Es sei Ralf Dahrendorf gewesen, der die Intellektuellen als „Hofnarren der modernen Gesellschaft“ bezeichnet habe, sagte Steinmeier in seiner Eröffnungsrede. Ein guter Hofnarr lebe natürlich davon, dass er sich von seinem Schlossherrn – wer auch immer das sei – nicht vereinnahmen lasse. Im besten Fall erweise er seinem Publikum gerade dadurch einen Dienst, dass er niemandem zu Diensten sei. Das war so formuliert, dass es alle drei Autoren natürlich gut finden mussten. Eine dieser offenen Steinmeier-Türen zum Einrennen, dachte man da noch. Aber Daniel Kehlmann, der sich in seinem neuen Roman „Tyll“ gerade mit der Figur des Narren auseinandergesetzt hat, ging nicht hindurch.

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