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Fortpflanzungsbiologie : Man soll uns nicht mit Wühlmäusen vergleichen

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Das Tierreich kennt keinen Sündenfall, der Mensch hingegen schon – hier gemalt von Lucas Cranach d.Ä., 1533. Bild: Picture-Alliance

Ticken Frauen wirklich anders als Männer? Hormone sind bei uns Menschen nicht alles, was zählt – der Evolutionsbiologe Axel Meyer ignoriert das in seinem Buch geflissentlich.

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          Axel Meyer, international anerkannter Evolutionsbiologe an der Universität Konstanz, möchte in seinem Buch auf naturwissenschaftlicher Grundlage zeigen, was Männer und Frauen so alles voneinander unterscheidet. Er beginnt dabei ganz sachlich. Ein großer Teil des Buches widmet sich Grundlagen der Evolutionsbiologie, der sexuellen Auslese, klassischen Genetik und Genomik. Alles in allem ist die Darstellung leicht nachvollziehbar und oft informativ, mit extremen Urteilen hält sich der Autor zurück. Und doch spiegelt das Buch eine Klarheit und Eindeutigkeit vor, die sich dem Umstand verdankt, dass abweichende Erkenntnisse oder Deutungen in ihm nicht vorkommen.

          Das gilt für naturwissenschaftliche Argumente und erst recht für die oft völlig ignorierten Erkenntnisse aus anderen Disziplinen. Meyer sieht sich selbst mit Blick auf Geschlechterdebatten als Anwalt der naturwissenschaftlichen Vernunft. An vielen für seine Argumentation entscheidenden Stellen wird man ihm das aber nicht so einfach durchgehen lassen wollen.

          Menschen sind vielschichtiger als Fruchtfliegen

          In der Evolutionsbiologie spielt das an Fruchtfliegen entdeckte „Bateman-Prinzip“ für das Verständnis der Geschlechterrollen eine prominente Rolle: Es besagt, dass der Fortpflanzungserfolg von Männchen variabler als der von Weibchen ist, da sie eine variablere Zahl von Sexualpartnern haben – viele Männchen kommen nie zum Zuge, während andere viele Sexualpartner haben. Folglich ist der Fortpflanzungserfolg von Männchen stärker von der Zahl der Partner abhängig als bei Weibchen. Die Ursache für diesen Sachverhalt ist, dass Weibchen meist mehr Zeit und Energie in ihren Nachwuchs investieren als Männchen und daher eine begrenzte Ressource sind, um die Männchen konkurrieren.

          Das klingt alles einleuchtend und wird gern als Erklärung für aggressives, kompetitives Verhalten von Männern und wählerisches, zurückhaltendes Agieren von Frauen herangezogen. Die Realität ist allerdings schon bei Tieren, erst recht aber bei Menschen weitaus vielschichtiger. Zwar gibt es nur wenige Daten, die einen Vergleich verschiedener Kulturen ermöglichen, aber vieles deutet darauf hin, dass in manchen von ihnen der Fortpflanzungserfolg von Männern weitaus variabler ist als in anderen, weshalb sich auch das Potential für unterschiedliche sexuelle Auslese bei Männern und Frauen deutlich unterscheidet und Faktoren wie das numerische Geschlechtsverhältnis oder die Populationsdichte wichtige Rollen spielen. Das Bateman-Prinzip allein eignet sich nicht, universelle Geschlechterrollen bei Menschen – Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus – abzuleiten.

          Geruch und Hormone steuern die Maus. Aber was steuert den Menschen?
          Geruch und Hormone steuern die Maus. Aber was steuert den Menschen? : Bild: dpa

          Mehrere Seiten widmet Meyer der Monogamie und Polygamie bei Präriewühlmäusen. Bloß erschließt sich nicht, warum er das eigentlich tut. Vielleicht, um zu zeigen, dass es eine hormonelle Ursache für unterschiedliche Paarungsmuster bei nahverwandten Arten gibt. Aber was hat das mit Menschen zu tun? Nichts - bei Kleinsäugern wie den Nagetieren ist Sozial- und Paarungsverhalten tatsächlich stark olfaktorisch und hormonell gesteuert. Bei Primaten spielen aber andere Mechanismen die entscheidende Rolle. Paarungsverhalten dient bei Primaten auch anderen sozialen Zwecken als Paarung und Fortpflanzung, und dies hat zur Abkopplung von hormonellen Mechanismen geführt.

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