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Flüchtlingskrise im Comic : Wie es passiert, während wir vor Vergnügen kreischen

Bild: Barbara Yelin

Ein unbeschwerter Sommertag am See, der Tod unzähliger Menschen auf dem Mittelmeer: Barbara Yelin hat einen Comic zur Flüchtlingskrise gezeichnet – in bewegender gestalterischer Virtuosität.

          Barbara Yelin ist ein politischer Kopf, der uns die Paradoxa unserer Welt über private Geschichten vor Augen führt. So hat sie es in dem vielhundertseitigen Comic „Irmina“ getan, der vor vier Jahren erschien und den Durchbruch der 1977 geborenen Autorin in ihrer deutschen Heimat, aber auch international bedeutete. Darin erzählt die in München lebende Yelin die leicht fiktionalisierte Geschichte ihrer Großmutter, die als junge Frau während der NS-Zeit nach London ging, aber noch vor dem Krieg wieder zurückkehrte nach Deutschland, einen Offizier heiratete, der nicht überleben sollte, und sich dann in der Nachkriegszeit mit ihrem Kind, Barbara Yelins Mutter, allein durchschlagen musste – immer vor dem Hintergrund der im Comic ungestellten Frage, wie dieses Leben hätte verlaufen können, wenn Irmina in Großbritannien geblieben wäre. Welche Schuld lädt man auf sich, indem man passiv bleibt?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der hier veröffentlichte Comic „Es passiert“ stellt die gleiche Frage, aber diesmal konfrontiert sich die Zeichnerin selbst damit und macht sie explizit. Auslöser dafür war ein Familienferienerlebnis von Yelin, die seit kurzer Zeit selbst Mutter einer Tochter ist. Doch viel bewegender noch als der autobiographische Bezug ist die gestalterische Virtuosität, die Yelin dabei in den Dienst ihres erzählerischen Anliegens stellt.

          Etwa die drei schmalen Panels jeweils in der Mitte der zweiten, vierten und siebten Reihe, aus denen uns die Zeichnerin als Ich-Erzählerin unmittelbar anblickt. Im ersten davon lässt sie ihr eigenes Gesicht auf höchst evokative Weise aus dem Körper der gleich im nächsten Bild sitzenden eigenen Rückenansicht entstehen: Es ist gleichsam das Korrektiv zur Abwendung von den Schrecken einer Flucht übers Mittelmeer und zum Rückzug ins Private, wie ihn das harmonische Strandbild gleich danach bietet.

          Aber in diese Szenen eines glücklichen Urlaubsaufenthalts dringen die Textzeilen ihres inneren Monologs ein, der als Cantus firmus immer wieder „Es passiert“ anstimmt – bis zu jenem Bild in der vierten Reihe mit der extremen Nahansicht des Auges der Erzählerin, auf dem erstmals kein Text zu lesen ist, weil das Entsetzen aus ihrer schreckgeweiteten Pupille spricht.

          Und rund herum wird die bisherige rein verbale Imagination zur höchst anschaulichen, wenn Barbara Yelin uns ins dunkel gehaltene Geschehen auf einem aufgewühlten Meer versetzt, in dem die Flüchtlinge schließlich Opfer der Gewalten werden – der maritimen, aber auch der menschlichen. Der größtmögliche Kontrast wird deshalb mit dem Übereinander von hellem Inkarnat der Gesichtsnahansicht und dem nachtschwarzen Versinken darunter geschaffen.

          Das dritte kleine Bild mit einer Frontalansicht der Ich-Erzählerin, drei Reihen später, enthält dann wieder ein Textelement: das Wort „Wir“. Und passend dazu ist die Tochter hier mit im Panel zu sehen, als Vertreterin einer Generation, die mit in die Verantwortung für das massenhafte Sterben auf den Fluchtrouten genommen wird, wenn alles beim Alten bleiben sollte.

          Die Konfrontation eines Mannes mit seinem leblosen Sohn auf den Armen, der auf dem letzten Bild aus dem Meer an den Strand kommt, und der Erzählerin, die ihn mit ihrer Tochter in den Armen fassungslos anstarrt, bringt zum ersten Mal die beiden bislang farblich so streng geschiedenen Erzählebenen des Comics zusammen: die lichte Welt der Urlauber und die düstere der Flüchtlinge. Das Crescendo des Bootsuntergangs im Zentrum der Seitenarchitektur von „Es passiert“ wurde gedämpft – farblich wie inhaltlich – durch die Rettung einzelner Gekenterter und die Rückkehr aus der Schattenwelt der Phantasie der Erzählerin in die freundliche Strandatmosphäre, in der sie sich ihre Gedanken macht. Das letzte Bild aber führt zusammen, was zusammengehört, und ob man diese finale Szene als reales Ereignis oder bloß vorgestellte Begegnung deutet, hat keine Bedeutung. Die Aussage ist eindeutig.

          Noch mehr, aber ganz anderes von Barbara Yelin wird am Samstag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu sehen sein: Wir haben die Zeichnerin gebeten, unsere diesjährige Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse zu illustrieren. So werden dann zehn eigens von ihr angefertigte Zeichnungen die Belletristik-Rezensionen schmücken. Was da passiert, darauf kann man sich freuen.

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