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Essen und Schreiben : Hunger heiligt Kunst

  • -Aktualisiert am

„Als ich aufhörte, hatte ich über 3000 Wörter geschrieben. Es war schon nach drei, und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen.“ (Sally Rooney) Bild: mauritius images / Bombaert Patrick / Alamy

In den Büchern von Autorinnen wie Sally Rooney, Michelle Steinbeck oder Chris Kraus essen Frauen – oder sie schreiben. Aber nie beides. Über die mystische Tradition einer sehr aktuellen Frage.

          7 Min.

          In Japan haben zwei junge Frauen ein Set aus Notizpapier und Füller entwickelt, das man essen kann. Es richtet sich an weibliche Kundinnen: Wenn ihnen der Magen in einem Meeting knurrt, sollen sie heimlich an ihren Schreibutensilien knabbern, um ihren Hunger zu stillen. Nur notieren können die Frauen dann nichts mehr.

          In der Gegenwartsliteratur ist es meist umgekehrt – weibliche Figuren essen nichts, dafür können sie schreiben. In den vergangenen Jahren sind einige sehr erfolgreiche Romane erschienen, die diesem Muster folgen. Immer gibt es eine Protagonistin, die Autorin ist oder es sein will, und immer wieder wird erwähnt, dass sie kaum isst. Und wenn sie es doch einmal tut, passiert das gleich wie im japanischen Meeting: Sie hört auf zu schreiben.

          Dabei handeln diese Texte weder von bewusstem Fasten zugunsten der Kunst, noch sind es Biographien einer Magersuchterkrankung. Hauptsächlich geht es in diesen Romanen um eine weibliche Hauptfigur, die in irgendeiner Form schreibt oder schreiben will, darum, wie sie lebt, und oft ,wie sie einen Mann begehrt. Ihr Essverhalten bleibt als Motiv im Hintergrund; es ist auch kein total auffälliges Hungern, eher ein passives Nicht-Essen, das von Momenten des Essens und Nicht-Schreibens durchbrochen wird. Nichts daran ist so explizit und spektakulär wie bei den männlichen Autoren der Vergangenheit, die ihr Schreiben mit „Abmagern nach allen Richtungen“ verbunden haben. Und es sind nun auch keine Männer, die diese meist auffällig schreibenden und meist unauffällig nicht essenden Figuren schaffen, sondern weibliche Autorinnen.

          „Mein Magen rumort“

          Zum Beispiel die gefeierte irische Schriftstellerin Sally Rooney: In allen ihren Romanen geht es um Liebe, Annäherung, Missverständnisse – und im Zen­trum stehen junge, kluge, schreibende Frauen, die kaum essen. „Als ich aufhörte, hatte ich über dreitausend Wörter geschrieben. Es war schon nach drei, und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Ich nahm die Hände von der Tastatur, und in dem Licht (...) wirkten sie wie ausgezehrt“, heißt es beispielsweise in Rooneys Debüt „Gespräche mit Freunden“ an der Stelle, als die Hauptfigur Frances ihr großes Prosastück schreibt. Überhaupt kommt es öfters vor, dass die „extrem dünne“ Frances tagelang in der Bibliothek an ihren Texten brütet: „Meistens vergaß ich an solchen Tagen zu essen und ging mit schönen, gellenden Kopfschmerzen in den Abend hinaus.“ Nur in den Phasen, in denen Frances mit dem verheirateten Nick eine Affäre hat, isst sie, was immer er ihr zubereitet – und schreibt nicht mehr.

          Ähnlich läuft es bei Marianne, der begabten Studentin aus „Normale Menschen“: Auch sie isst kaum, wenn sie an ihren Arbeiten für die Uni schreibt, und auch sie findet nur dann ein wenig Appetit, wenn sie mit ihrem männlichen Gegenpart Connell zusammen ist. Im gerade erschienenen „Schöne Welt, wo bist du“ teilt Rooney dieses Muster dann auf zwei Figuren auf: auf der einen Seite die stets als „dünn und bleich“ beschriebene Eileen, Redakteurin in einem Literaturmagazin, die im Gegensatz zu den anderen Figuren kaum je isst, sich aber danach sehnt, ein Buch zu schreiben; auf der anderen Seite deren beste Freundin Alice, die tatsächlich mehrere Bücher geschrieben hat, nun aber nicht mehr schreiben will, sondern kocht und isst und für eine Rooney-Figur ungewöhnlich offen darüber spricht, verliebt zu sein.

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