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Bücher über Konvertiten : Der Satan in mir ist stark

Zum Islam gefunden: Ein Konvertit betet in Lüchow in der neuen Moschee im alten Bahnhof. Bild: dpa

Was die Leute über sie denken, ist vielen egal, trotzdem fühlen sie sich einsam: Das Leben und die Herausforderungen deutscher Konvertiten beschreiben die Bücher von Esra Özyürek und Susanne Kaiser.

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          Ele fand im Islam die festen Werte, die sie in ihrem Leben so lange vermisst hatte: „Ich habe meine Erfüllung gefunden“, sagt sie. Ihr Ideal ist eine Gesellschaft, in der sich jeder um den anderen kümmert. Der Imam Ferid glaubt, die Muslime müssten offensiv „für bestimmte Grundwerte einstehen“ – zum Beispiel für ein konservatives Familienbild. Im Islam, in Religion generell sieht er „die wichtigste Quelle für Moral“, ohne die die deutsche Gesellschaft auf die schiefe Bahn zu geraten drohe. Die tief verschleierte Mareike sagt, das Wichtigste sei für sie, „Allah nicht zu enttäuschen“. Was die Leute über sie dächten, sei ihr egal. Und Aamal, die erst vor kurzem Muslimin geworden ist, macht sich ununterbrochen Gedanken darüber, ob sie die islamischen Regeln auch lückenlos befolgt: „Denn der Satan in mir ist sehr stark.“

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Nächstenliebe, familiärer und gesellschaftlicher Zusammenhalt, Frömmigkeit, Gottesfurcht – das sind Werte, die zum Islam konvertierte Deutsche hochhalten und die für sie den Islam ausmachen. Dabei verstehen sie sich zugleich auch als Deutsche und vorbildliche Bürger – bei allen Schwierigkeiten, die sie in und mit diesem Land haben. Die öffentliche Wahrnehmung von Konvertiten ist ganz anders: „Hundertfünfzigprozentige“ Muslime seien sie, übertrieben strenggläubig.

          Der Konvertit, ein Verräter

          Tatsächlich besaßen salafistische Gemeinden in den vergangenen Jahren eine besondere Anziehungskraft auf Neumuslime. Ihnen schlägt Misstrauen entgegen, zumal immer wieder von Konvertiten die Rede ist, die sich Terrorgruppen angeschlossen haben. Zum Islam konvertierte Deutsche rühren aber an noch fundamentalere Ängste in der Mehrheitsgesellschaft: Aus deren Sicht, schreibt die Soziologin Esra Özyürek, würden sie „zum sichtbarsten Anzeichen dafür, dass der Islam dabei ist, Europas Geist, Lebensweise und Kultur zu beherrschen“. In diesem Sinne ist der Konvertit ein Verräter – an Deutschland und dessen christlich-abendländischer Kultur.

          Das bekommen viele von ihnen zu spüren. Konvertiten sind oft einsam. Mareike, die in einer Kleinstadt im Südwesten Deutschlands lebt, etwa sagt, ihre „beste Freundin“ lebe in Berlin. Ihr persönlich begegnet ist die junge Muslimin freilich noch nie. Ihre Freundschaft besteht im Internet. Ben, ein weiterer Konvertit, wird von seiner Familie geschnitten, seine Mutter hat seit seiner Hinwendung zum Islam vor zehn Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen. Dabei gefällt ihnen am Islam doch gerade die Betonung der Gemeinschaftlichkeit. Ironischerweise sind sie auch von Seiten türkisch- und arabischstämmiger Muslime mit Vorbehalten konfrontiert.

          Die Erfahrungswelten konvertierter Deutscher sind extrem unterschiedlich, sie alle eint jedoch, dass sie sich anders zu ihrer Religion positionieren müssen als gebürtige Muslime: Sie können nicht einfach „den Islam leben“, wie sie ihn von Kindheit an kennengelernt haben, sondern müssen bewusst Entscheidungen treffen, welcher der vielen Auslegungen sie folgen. Ähnlich verhält es sich mit ihrem Verhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft, aus der sie herausgetreten sind. Welche individuellen Lösungen Neumuslime angesichts dieser doppelten Herausforderung gefunden haben, beschreiben zwei neue Bücher mit unterschiedlichen Zugriffen: Während Esra Özyüreks „Deutsche Muslime – muslimische Deutsche“ die Arbeit einer ethnologisch arbeitenden Soziologin ist, geht die Journalistin Susanne Kaiser in „Die neuen Muslime“ auf die Geschichten von vier jüngeren Konvertiten ein.

          Sie konstruieren einen gereinigten Islam

          Beide Autorinnen haben in der Auswahl ihrer Fallbeispiele, denen die hier zitierten Stimmen entstammen, nicht danach gestrebt, alle Extrempositionen abzudecken. Gerade deshalb erhält man in der Zusammenschau beider Bücher einen guten Eindruck von den Vorstellungen „durchschnittlicher“ Konvertiten – so es solche überhaupt gibt.

          Özyürek weist dabei auf ein überraschendes Phänomen hin: Viele deutsche Konvertiten strebten danach, sich vom Islam der Türken oder Araber abzugrenzen – sie „lieben den Islam (. . .), aber gebürtigen Muslimen aus Deutschland oder anderen Ländern mit Liebe zu begegnen, fällt ihnen nicht immer leicht“. Stattdessen konstruierten sie einen gereinigten, „vernünftigen“ Islam, der einerseits postnational sein, andererseits besonders gut zum Deutschsein passen soll. Sie beziehen sich dafür etwa auf die Ideale der Aufklärung, führen Goethe und Lessing als Vorbilder an, „um zugleich ein besserer Deutscher und ein besserer Muslim zu werden“. Özyürek sieht darin eine Reaktion auf die „rassifizierte“ Feindseligkeit gegenüber gebürtigen Muslimen in Deutschland, die sich auch auf Konvertiten erstreckt.

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