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Literaturfestival Berlin : Eröffnung mit Super-Mario

Mario Vargas Llosa, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Bild: dpa

Zwar kam Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin, doch ohne einen einzigen neuen Gedanken. Zum Glück retteten zwei Olgas den Auftakt.

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          Natürlich war es ein „trauriger Anblick“, wie Staatsministerin Monika Grütters mit entwaffnender Ehrlichkeit sagte: Einige Dutzend Leute mit riesigen Abständen in einem Kammermusiksaal für mehr als tausend Zuschauer sind trostlos. Aber es war der Auftakt des Internationalen Literaturfestivals Berlin, das in einer logistischen Meisterleistung dann doch eine erstaunliche Zahl von Live-Begegnungen auf die Beine gestellt hat, und es kam leibhaftig das Zugpferd für globale Literaturschwärmerei: Mario Vargas Llosa.

          Der Nobelpreisträger des Jahres 2010 hatte keinen einzigen Gedanken zu bieten, den man noch nicht von ihm gehört hätte, aber wie wäre das überhaupt möglich gewesen? Allein neunundsiebzig Ehrendoktorhüte hat er weltweit eingesammelt, wie Michi Strausfeld in ihrer Hommage erzählte, auch den der Berliner Humboldt-Universität, dazu unzählige Literaturpreise – zweihundert? Dreihundert? Einmal, in Spanien, bekam er als Preis sein eigenes Körpergewicht in Honig! Einen wie ihn, der allen ideologischen Blödsinn unerschrocken benannt hat und sich nie für etwas entschuldigen musste, gibt es weit und breit nicht mehr.

          Also stand der Vierundachtzigjährige mit dem schönen weißen Haar da und sagte in seinem singenden peruanischen Spanisch noch einmal, warum wir nicht von der Literatur loskommen: weil sie uns freier, nachdenklicher und besser macht. Weil sie die Phantasie stärkt und die Ordnung stört, weswegen sie Diktatoren ein Dorn im Auge ist. Weil sie – so Vargas Llosa in seiner Nobelpreisrede vor zehn Jahren – ein paralleles Leben bietet, in welchem „das Chaos sich lichtet, das Hässliche verschönt, der Augenblick verewigt und der Tod ein vorübergehendes Schauspiel wird“.

          Bild: EPA

          Später rief Mario dann sehr nett „Monika!“, als er zu Kulturstaatsministerin Grütters trat, und Monika sagte „Mario!“, und wären es andere Zeiten, hätten sie sich in den Armen gelegen. Und der Festivaldirektor Ulrich Schreiber – Uli – hätte mitgemacht. Es wäre aber alles zu wenig gewesen, hätte nicht gleich darauf, an anderem Ort, die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk das pastose Gemälde der Eröffnung durch die Präzisionsarbeit des literarischen Handwerks ergänzt. Im Gespräch mit der brillanten Moderatorin Olga Mannheimer erzählte die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2018 von der Poetik ihres jüngsten Romans, „Die Jakobsbücher“, und dass die beiden Olgas sich so versenkten und neunzig Minuten lang konzentriert von der Feinmechanik des Schreibens sprachen, war hinreißend.

          Eventmanager spotten gern, Literatur vor Publikum müsse heute mehr sein als „Mikro und Wasserglas“, und am liebsten jazzen sie Lesungen durch Filmstars und Lichtregie hoch. Kann man machen; kann sogar funktionieren. Aber unter Corona-Bedingungen sieht man, dass die Gegenrechnung auch stimmt. Man muss nur die richtigen Leute zusammenholen, die Leidenschaft für Literatur entfesseln und zwei Sachen auf die Bühne stellen: Mikro und Wasserglas.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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