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Autor reiste nicht allein : Schifffahrt aus drei Perspektiven

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Blick vom Board der Monte Rosa auf Luftschiff D-LZ 127 „Graf Zeppelin“ Bild: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Franz Grasser

Als Ernst Jünger 1936 auf „Atlantische Fahrt“ ging, waren noch zwei weitere prominente Gäste an Bord. Das erlaubt uns heute eine parallele Lektüre der Reise nach Brasilien.

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          Wer sich im Herbst 1936 in Hamburg zu einer Fahrt über den Atlantik einschiffte, konnte nicht umhin, sich mit den Themen Auswanderung, Flucht, Exil und Neubeginn auseinanderzusetzen: Die Olympischen Spiele waren beendet, die letzte Phase, in der sich das „Dritte Reich“ den Anschein eines weltoffenen Landes gegeben hatte, war damit vorüber, das nationalsozialistische Regime zeigte nun wieder sein wahres Gesicht.

          Am 20.Oktober 1936 ging Ernst Jünger in Hamburg an Bord der MS Monte Rosa, eines 1930 gebauten Passagierschiffs der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft von knapp 180 Meter Länge. Doch der Schriftsteller plante nicht seine Emigration, sondern eine touristische Reise über die Azoren und den Atlantik nach Brasilien: „Zum ersten Male führt eine Vergnügungsreise eines deutschen Schiffes in das nordbrasilianische Urwaldgebiet des Amazonas hinein“, hieß es in der Werbeprosa des Reederei-Prospekts: „Nie geschaute, unvergleichliche Schönheit tut sich vor den entzückten Augen der Reisenden auf, die hier den unbekannten Reiz des Urhaften, den Reichtum einer überquellenden Natur erleben sollen!“

          Heute würde man von einer Kreuzfahrt sprechen: Die achtwöchige Pauschalreise steuerte nach einem Stopp in Ponta Delgada auf den Azoren zunächst das Amazonasdelta an, wo die Begegnung mit dem südamerikanischen Kontinent mit einer zweitägigen Amazonas-Fahrt begann, ging dann über Pará nach Recife und Santos, Rio de Janeiro und Bahia – und führte nach guten drei Wochen in brasilianischen Gewässern über La Palma und Casablanca zurück nach Deutschland.

          „Erinnerungen an Sonne und Raum“

          Ernst Jüngers literarisches Tagebuch dieser Reise erschien erst 1947, unter dem Titel „Atlantische Fahrt“, zunächst als Ausgabe der Kriegsgefangenenhilfe des „Christlichen Vereins Junger Männer“. „Aus meinen Manuskripten wählte ich dieses, weil es Erinnerungen an Sonne und Raum enthält. Die Erde ist groß. Möge es einladen zu geistiger Begleitung und Wanderschaft“, hieß es im Vorwort der Erstauflage, die den deutschen Kriegsgefangenen in England gewidmet war.

          Seit 1960 gehört der schmale Band – wie auch der Reisebericht „Dalmatinischer Aufenthalt“ – zu den „Gesammelten Werken“ des vieldiskutierten Schriftstellers. Die kommentierte Neuausgabe des Bandes von Detlev Schöttker machte die Leser 2013 erstmals auch mit einigen Namen von Mitreisenden Ernst Jüngers bekannt: Aus den handschriftlichen Reisetagebüchern und Briefen aus Jüngers Nachlass hatte der Berliner Literaturwissenschaftler zum Beispiel den Namen des Reisegefährten Otto Storch rekonstruiert, den Jünger diskret hinter dem Kürzel „St.“ verborgen gehalten hatte. Als ehemaliges Mitglied kommunistischer Organisationen hatte Storch Ernst Jünger in São Paulo anvertraut, dass er sich hier von der Reisegesellschaft absetzen und in Brasilien ein neues Leben beginnen wolle. „Das ist eine Form der Auswanderung, die wohl zunehmen wird. Der Gewalt entspricht die Flucht“, kommentiert Jünger trocken.

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