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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Der Redakteur für Literatur

Marcel Reich-Ranicki im November 1988, kurz vor dem Ende seiner Zeit als Literaturchef der F.A.Z. Bild: Bernd Arnold / VISUM

Inspirierend, motivierend, voll Witz und Humor und empathisch: Reminiszenzen, Marcel Reich-Ranicki betreffend.

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          Zum hundertsten Geburtstag des großen Robert Musil veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki am 6. November 1980 bloß eine kleine Glosse. Sie kam einem postumen Verriss gleich. Musils Hauptwerk, das Fragment gebliebene Romanuniversum „Der Mann ohne Eigenschaften“, umfasse zwar 2172 Seiten, sei aber gerade deshalb ein „ungenießbares Buch“. Also müsse ein „Reader’s Digest“ von „vierhundert bis höchstens sechshundert Seiten“ her. Nur so ließe sich der Roman retten. Aufschrei und Entsetzen in der Literaturszene. Ihn amüsierte das: Provokation geglückt. Er telefonierte, telegraphierte, diktierte Briefe an Mitarbeiter und präsentierte einen guten Monat später auf zwei vollen Seiten der Wochenendbeilage „Bilder und Zeiten“ neun substantielle Beiträge zu Musil und dem Roman. Wer hatte je mehr Aufmerksamkeit für den „Mann ohne Eigenschaften“ geweckt?

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Lange Zeit, von 1983 bis 1998, war es die reine Freude, mit Reich-Ranicki arbeiten zu dürfen. Er sei, hatte man mich gewarnt, aufbrausend, ja cholerisch, dulde keinen Widerspruch, beute zumal die Jungredakteure gnadenlos aus. Das Gegenteil traf zu. Er war inspirierend, motivierend, voll Witz und Humor und ja: empathisch. Selbstverständlich erwartete er Gegenmeinungen und förderte, wie und wo er nur konnte, also auch, indem er forderte. Unser erstes Treffen, 1982 in einem Westend-Lokal, hielt sich nur kurz mit examinierenden Fragen auf – „Wer ist der größte deutsche Dramatiker und warum?“ – und ging rasch in eine Debatte um zwei österreichische Autoren über: Peter Handke und – Musil. Gegen 22 Uhr gab es bei ihm zu Hause einen Whiskey: „Schickt Siegfried Unseld immer zu Weihnachten, ich trinke Whiskey, wie Sie an der Flasche sehen, nur selten.“ Er rief Joachim Fest an, de jure seinen Vorgesetzten, de facto den Partner eines ziemlich perfekten Feuilleton-Tandems, und sagte, er habe gerade „einen Neuen“ eingestellt.

          Der Widerstand war verschwunden

          Selbst verlässliche Feinde haben Reich-Ranickis Leistung als Leiter der Literaturredaktion dieser Zeitung immer gerühmt: „Da hat er wirklich etwas Dolles draus gemacht“, attestierte etwa Günter Grass 2004 im Rückblick. Wie groß der interne Widerstand im Feuilleton gegen ihn zunächst war, kann man sowohl bei Peter Hoeres („Zeitung für Deutschland“, 2019) als auch in den Memoiren seines Vorgängers Karl Heinz Bohrer („Jetzt“, 2017) nachlesen. Zehn Jahre lang hatte Reich-Ranicki die Redaktion bereits geleitet, als ich 1983 dazukam. Der Widerstand gegen ihn: längst verschwunden. Die wirtschaftliche Lage der Zeitung: himmlisch. Das Literaturblatt bestand aus vier Redakteuren, die mehrere von Reich-Ranicki erfundene Serien betreuten, die „Frankfurter Anthologie“ an erster Stelle. Sie wählten unter seiner Ägide den jeweiligen Fortsetzungsroman und unveröffentlichte Gedichte fürs aktuelle Feuilleton aus. Hinzu kamen tägliche Buchbesprechungen, die samstägliche Literaturseite sowie vier immer umfangreicher werdende Literaturbeilagen im Frühjahr und Herbst.

          Parallel dazu institutionalisierte Reich-Ranicki seinen Einfluss, ja: auch seine Macht im Literaturbetrieb mehr und mehr. Daneben schrieb er Kritik um Kritik, Essay um Essay, Kommentare, Glossen, Polemiken – und tat alles dafür, dass auch seine Redakteure im Blatt sichtbar waren. Der Weltlauf der achtziger Jahre interessierte ihn mit Ausnahme der Ostpolitik und den Entwicklungen in der DDR eher weniger, es sei denn, einer der Autoren, an denen ihm besonders lag – vor allem Heinrich Böll, aber auch Erich Fried, Peter Rühmkorf, Wolf Biermann, Christa Wolf sowie allemal Günter Grass und Martin Walser –, hatte sich im öffentlichen Getümmel wieder einmal bemerkbar gemacht, gar für Skandal gesorgt. Selbst bei „schlimmstmöglichem“ (Dürrenmatt) Rückblick halte ich die Redaktionsjahre unter Reich-Ranicki für eine helle, heitere Zeit. Als Idylle endete sie mit dem Historikerstreit von 1986/87.

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