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„Eine Frau in Berlin“ : Die wahre Geschichte der Anonyma

Der Aufkleber stammt wohl von Marta Hillers selbst. Tatsächlich gelangte die Kladde des Manuskripts ins Institut für Zeitgeschichte. Bild: Institut für Zeitgeschichte

Das vermeintliche Tagebuch einer von Rotarmisten vergewaltigten Berlinerin wurde ein großer Bestseller. Jetzt zeigt eine Historikerin: Das Buch ist zu größeren Teilen erst nach 1945 verfasst worden.

          6 Min.

          Am 20. März 1960 schrieb Kurt W. Marek, unter dem Pseudonym C. W. Ceram Autor des Sachbuchbestsellers „Götter, Gräber und Gelehrte“, einen Brief mit literarischen Ratschlägen an seine Freundin Marta Hillers. Marek lebte im Bundesstaat New York, Hillers mit ihrem Schweizer Ehemann, einem Goldschmied, in Basel. 1954 war auf Vermittlung Mareks und mit einem Vorwort aus seiner Feder in den Vereinigten Staaten das Buch „A Woman in Berlin“ erschienen, ein Erlebnisbericht in Tagebuchform über die Wochen um den 8. Mai 1945.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Außerhalb Deutschlands wurde das Buch ein Bestseller. Von der deutschen Erstausgabe, die in einem kleinen Genfer Verlag ohne Mareks Vorwort herauskam, wurden im Erscheinungsjahr 1959 nur 735 Exemplare verkauft. Die Tantiemen für die Autorschaft flossen an Marta Hillers, bei den ausländischen Ausgaben abzüglich eines Anteils von zehn Prozent für Marek. Im Buch blieb die Autorin namenlos, englisch „Anonymous“ , deutsch „Anonyma“.

          1960 trug sich Hillers mit neuen literarischen Plänen. Marek forderte sie auf, sich von den Kritiken der deutschen Ausgabe nicht irritieren zu lassen. „Ein gutes Buch braucht schlechte Kritiken. Ein schlechtes Buch kriegt nicht einmal schlechte Kritiken.“ Paradoxerweise sah der Profi Marek ein Handicap darin, dass ihr das Schreiben „zu leicht“ falle. „Du bist immer an der Grenze der Schnoddrigkeit.“ Aber in der modernen Literatur gab es Beispiele für die Nobilitierung der Vulgarität im Dienst der „schonungslosen Beschreibung“. Marek griff so hoch wie möglich. „Lies noch einmal Stücke aus dem Ulysses von Joyce. Dort kannst Du ahnen, wie weit Du gehen kannst.“

          Der englische Verleger hatte Zweifel

          In einem Postskriptum berichtete Marek, dass er in New York einen „höchst angenehmen Mann“ kennengelernt habe, den englischen Verleger von „A Woman in Berlin“, Fredric Warburg. „Sonderbarerweise“ habe er diesem „tatsächlich versichern“ müssen, dass es sich „wirklich um ein authentisches Tagebuch handelt“. Der Engländer „hatte Zweifel“. Drei Punkte stehen am Schluss dieser Mitteilung. Mehr musste nicht gesagt werden. Autor und Empfängerin des Briefes wussten, was es wirklich mit dem Buch auf sich hatte. Sie teilten dieses Wissen miteinander und hielten es vor der Welt geheim.

          Der Verlag Secker & Warburg hatte Karl Dietschy, dem Ehemann von Hillers, der für sie die Geschäftskorrespondenz führte, im Frühjahr 1959 mitgeteilt, dass „A Woman in Berlin“ einer der erfolgreichsten Titel der Firmengeschichte sei. Bis dahin waren von der englischen Ausgabe 210 000 Stück abgesetzt worden. Fredric Warburg war der Verleger von George Orwell. Worauf bezogen sich seine Zweifel? In welchem Sinne könnte das Buch kein authentisches Tagebuch sein? Zweifelte Warburg daran, dass es auf Erlebtem beruhte? Oder bezweifelte er, dass es sich um ein Tagebuch im Sinne der mehr oder weniger gleichzeitigen Niederschrift des Erlebten handelt?

          Die Authentizität wurde Thema einer heftigen Kontroverse, als „Eine Frau in Berlin“ 2003, zwei Jahre nach dem Tod von Marta Hillers, in einer neuen deutschen Ausgabe erschien, in der „Anderen Bibliothek“ von Hans Magnus Enzensberger. In dieser Gestalt wurde das Buch mit einem halben Jahrhundert Verspätung auch in Deutschland ein Bestseller. Hillers hatte die postume Neuausgabe autorisiert; die Erbin des Urheberrechts, Hannelore Marek, die Witwe des 1972 verstorbenen Kurt Marek, bestand darauf, dass der Eichborn Verlag die Anonymität wahrte.

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