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Ein Thriller als Ukraine-Drehbuch : Wenn Tom Clancy es wusste, wieso nicht die EU?

In Ost und West hält man sich mittlerweile im Konflikt um die Krim an Tom Clancys Romanvorlage: russische Panzer bei der Übung Bild: dpa

Was jetzt in der Ukraine passiert, kann man seit 2013 im Thriller „Command Authority“ von Tom Clancy und Mark Greany nachlesen. Fragt sich, wie die beiden das so genau voraussehen konnten.

          Auf dem Höhepunkt der Krise will Russlands starker Mann den schlaffen Europäern einfach den Erdgashahn abdrehen. Diese Bombe, so kalkuliert er, zündet mit Verzögerung: Ernste Effekte seiner Sperre werden die Zimperlinge in Berlin und Brüssel erst in einigen Monaten erreichen. Inzwischen droht er mit Enteignungen ausländischen Sach- und Geldvermögens auf dem Korruptionsweg. Gern helfen dabei alte Füchse aus dem Apparat der untergegangenen Sowjetunion, die man „Silowiki“ nennt. Manche von ihnen waren, als das sozialistische Lager zerbrach, noch Generäle, dann Bankiers, jetzt sind sie Politiker.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Pläne, die ihr oberster Dienstherr schmiedet, werden von Korruption nicht behindert, sondern gefördert: Er braucht zufriedene Regierungshörige im Apparat dringender als geregeltes Staatseinkommen; im Boden liegt ja immer noch genug Geld. Die Krim, die er sich unter den Nagel reißen mag, und die restliche Ukraine, nach der sein Appetit bereits giert, holt er sich über eine Operation, die nicht sein Außen-, sondern sein Inlandsgeheimdienst organisiert hat. Denn dieser ist zuständig nicht nur für Kernrussland, sondern auch für das, was in der Sprache des starken Mannes (und in Anlehnung an eine alte Doktrin der Vereinigten Staaten über Mittel- und Südamerika) „unser Hinterhof“ heißt. So lässt er ein „Russland in der Ukraine“ schaffen: Wie zuvor schon in den mehr oder weniger georgischen Regionen Süd-Ossetien und Abchasien verteilen seine Spione russische Pässe an menschliche Manövriermasse, der amerikanische Präsident muss sich von seinen Leuten sagen lassen, dass es für diesen Zug im bösen Spiel sogar einen Fachausdruck gibt: „passportization“.

          Er trug die Gesichter von Affleck, Baldwin und Ford

          Dies alles ist Thrillerfiktion, nicht Futter aus dem Liveticker. Der starke Mann, von dem die Rede war, heißt nicht Putin, sondern Volodin. Er ist der Bösewicht in einem Roman, der im vergangenen Dezember auf Englisch erschien und dessen Bild vom russischen Wollen und Wirken jetzt von Menschen namens John Kerry oder Hillary Clinton zu Mobilisierungszwecken nachrichtentauglich aufbereitet wird. Das Buch heißt „Command Authority“, verfasst haben es der im Oktober verstorbene Thriller-Autor Tom Clancy und seine rechte Hand, der Militärschriftsteller Mark Greaney.

          Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Volodin bei Clancy und Greaney Paroli bieten muss, heißt Jack Ryan - ein ehemaliger Nachrichtendienstler, den man aus dem Kino kennen kann, wo er in mehreren Verfilmungen unter anderem die Gesichter von Ben Affleck, Alec Baldwin und Harrison Ford trug. Die Handlung von „Command Authority“ bewegt ihn physisch kaum vom Fleck, nur in Rückblicken bereist er zur Zeit der Schlussphase des Kalten Krieges die Schweiz oder ein beklemmend engmaschiges West-Berlin.

          Auch die Feinde kennen dieses Netz

          Die Gegenwart der Ukraine-Krise erlebt er nicht als Actionfigur, die rennt, springt, schießt, prügelt oder verprügelt wird, sondern an einer Front, an der auch die reale ukrainische Tragödie der vergangenen Wochen sich in Überraschungsangriffen wie Stellungskriegen vollzog und weiter vollzieht: im „Information Space“, wo sich der fiktive Russe, nachdem ein Überfall auf Estland ihm einen verdeckten Nato-Nasenstüber eingebracht hat, mit erschreckender Wendigkeit bewegt, inklusive bestellter Demonstrationen in Kiew und Sewastopol, „made for TV“.

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