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Ein Thriller als Ukraine-Drehbuch : Wenn Tom Clancy es wusste, wieso nicht die EU?

Wie man weiß, war Clancys ganzer Stolz, den er an seinen Gehilfen und Erben Greaney weitergegeben hat, die Fähigkeit, die Fakten, die er zu seinen Plots verarbeitete, nicht primär von irgendwelchen Flüsterern im Dunkeln, sondern gerade auch aus Publikationen wie „Foreign Affairs“, „American Interest“ oder der „New York Times“ zu entnehmen. Fragt sich also, wie zwei Unterhaltungsfabulisten aus solchen Quellen etwas vorwegnehmen konnten, bei dem zunächst weder Obama noch Berlin sonderlich gut vorbereitet wirkten.

Die beste Idee des Buchs ist noch nicht eingelöst

Im Kippspiegel des Romans sieht man natürlich auch nicht alles richtig, manches absichtlich verzerrt: Frau Timoschenko heißt hier Oksana Zueva, ist eine prorussische Marionette und stirbt auf Volodins Befehl bei einem Attentat, damit ein schlechtes Licht auf die ukrainischen Nationalisten und den Westen fällt. Weichen Einzelheiten des Romans aber einmal, wie hier, von der Wirklichkeit ab, dann fällt umso stärker auf, wie präzise die Konstellationen getroffen sind, die auch das Realdrama prägen: Hat nicht Janukowitsch mit derselben Taktik („man muss den Feind ins schlechteste Licht rücken“) monatelang jede Opposition abgedrängt, die nicht aus ultrarechten Verteidigern des Partisanen Stepan Bandera und Anführern der NPD-Schwesterpartei Swoboda bestand, um sich als Antifaschist darstellen zu können, was freilich nach hinten losging, weil er den auf die Majdan-Ereignisse folgenden Wettlauf seiner Gegner aus dem In- und Ausland, als Erste mit diesen Leuten fotografiert zu werden, unterschätzte? „Command Authority“ ist keine Reportage und kein Thesenpapier, sondern eine literarische Erfindung.

Das merkt man vor allem an der besten Idee im Buch, die (derzeit noch) keine Nachrichtenentsprechung hat. Sie ist eine Metapher, die das Dilemma westlichen und nördlichen Engagements und der darin verstrickten Kollaboration mit allerlei Islamisten, Nationalisten und anderen Gesinnungskriegern kinogerecht veranschaulicht - ein Dilemma, mit dem die westlichen und nördlichen Weltordner von Venezuela bis Syrien, von Ägypten bis zur Ukraine leben müssen.

Fiktion verharmlost eben immer ein bisschen

Auf der Krim, nahe Sewastopol, gibt es im Buch eine getarnte CIA-Einrichtung, die schließlich auffliegt. Sie wird von pro-russischen Demonstranten umringt, das russische Fernsehen ist bestätigt: Hier sitzen die westlichen Brandstifter. Sitzt man erst einmal da, kommt man nicht mehr ohne Opfer heraus, egal, wie gut die Informationen sind, die einen in diese Lage gebracht haben. Wer zündelt, kann sich verbrennen. Die das wissen, tun es trotzdem, um nicht zu spät zu kommen, wenn die Claims abgesteckt werden.

Bei Clancy und Greaney geht die Sache gut aus. Vater und Sohn, zwei Superhelden, wenden den Weltbrand ab. Fiktion verharmlost eben immer ein bisschen: Wer spannende Romane lesen darf, sitzt noch nicht in der Falle.

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