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Prince-Autobiographie : Ich komme vom Rand, ich will in den Mittelpunkt

Die Gaben so weit gestreut: Prince 1986 in Hamburg Bild: Picture-Alliance

Der Band „The Beautiful Ones“ lässt den musikalischen Alleskönner Prince die Quelle seiner künstlerischen Kraft freilegen. Das ist keine „unvollendete Autobiographie“, sondern eine Ausstellung auf Papier.

          4 Min.

          Er war eine ganze Musikrichtung, verkleidet als Einzelperson; manchmal aber wohl auch einsam wie ein Symbol, das niemand lesen kann. Vom E-Gitarren-Zwitschersalat im Anlauf zu „When Doves Cry“ (1984) über den albumförmigen Neun-Kapitel-Song „Lovesexy“ (1988) bis zum autohypnotischen Lavagroove der Zusammenarbeit mit der Drei-Damen-Funk-Rock-Band 3rdeyegirl auf „Plectrumelectrum“ (2014) blieb sein Schaffen sogar da, wo es sich nur um sich selbst zu drehen schien, in Hörweite der Tanzfläche, wollte und war immer Bewegung.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Geboren am 7. Juni 1958 in Minneapolis, getauft auf den klangvollen Namen Prince Rogers Nelson, kürzte der Künstler diesen zu „Prince“ zusammen, was im Englischen sowohl den Nachwuchskönig wie allgemein einen Fürsten meint. Beide Bedeutungen füllte er mit Leben, erst als Erbe des Funk und dann als Herrscher im eigenen, den Funk freilich mit umfassenden Reich. Als Prince im April 2016 starb, erging sich selbst der Vollrassist Theodor Beale (alias „Vox Day“), der African Americans als „Halbwilde“ verachtet, auf seinem Blog in wehmütigen Erinnerungen an die Popszene der Achtziger im Staate Minnesota: „Fast alle, die ich kannte hatten irgendeine Verbindung zu Prince, sei es als Zufallsbegegnung, sei‘s beruflich.“ Damals und dort, grübelte Beale, habe man nicht auf Rassenmerkmale geachtet, ihm selbst sei erst später klargeworden, wie wichtig man die zu nehmen habe. Seine rechtsradikale Stammkundschaft musste sich im Kommentarbereich zu diesem Blogeintrag zusammenreißen; wenn jemand es an Ehrfurcht für den Verewigten fehlen ließ, gab‘s was mit dem Moderatorenknüppel, und Figuren, die sich darüber Gedanken machen, wie man die gesellschaftliche Rangordnung im Sinne faschistoider Ressentiments einrichten kann, schwärmten davon, wie Prince seinerzeit Bands aus seiner Umgebung wie The Time oder Vanity 6 gefördert hatte.

          Was die Leute nur immer reden

          Von unangenehmen Bewunderern verabschiedet wurde da eine Komponisten-, Texter-, Performer- und Produzentenpersönlichkeit, deren Füllhorn genug Musik auswarf, dass auch andere als sie selbst damit Erfolge feierten, von Sinéad O'Connor über Sheena Easton bis zu den Bangles. Das Nachrufpathos in jenem Frühjahr 2016 mischte sich, weil Prince seine Gaben so breit gestreut hatte, mit Nostalgie für eine ganze Pop-Epoche und stand stellenweise im kuriosem Kontrast zur Gelassenheit des Beweinten während dessen Krisen; noch in den letzten Lebenstagen beantwortete er besorgte Medienmeldungen über sein Leiden mit einem lakonischen Selbstzitat: „I just can't believe all the things people say“, was die Leute nur immer reden.

          Emphatische Deklamationen im Zusammenhang mit Schicksal und Vergänglichkeit waren ihm zwar auf dem Erfolgsgipfel zwischen „I Would Die 4 U“ (1984) und „Sometimes it Snows in April“ (1986) keineswegs fremd; kleinmütiges Sinn- und Seinsfragengegrübel aber quittierte er gern mit einem lebensbejahenden Schulterzucken: „Life is just a party and parties weren‘t meant to last“, heißt‘s auf dem Weltuntergangsfeger „1999“ (1982).

          Wer die Kunst kennt, die Prince hinterlassen hat, und sich eine Vorstellung davon machen will, was für ein Mensch ihre Voraussetzung war, in ihr aber nicht restlos aufgehen konnte noch wollte, kann jetzt ein Buch lesen und betrachten, das „The Beautiful Ones“ heißt, also „Die Schönen“ – Jahre? Menschen? Auftritte? Alles, ja. Der Verlag verkauft das Buch bescheiden und damit irreführend als „unvollendete Autobiographie“, weil es sich aus einem Projekt ergeben hat, das in Richtung Selbstdarstellung gedacht gewesen war.

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