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Zum Tod Raimund Fellingers : Ein Gigant im Schatten

  • -Aktualisiert am

So sah sich Raimund Fellinger am liebsten gesehen: Nicolas Mahler hatte seinem Lektor dieses Blatt geschenkt. Bild: Nicolas Mahler

Seinen Autoren war er ein Literaturdiener auf Augenhöhe. Sein letztes Lebensjahr hätte von Thomas Bernhard erfunden werden können. Zum Tod des Suhrkamp-Cheflektors und Literaten Raimund Fellinger. Ein Gastbeitrag.

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          Nicht leicht jetzt. Nicht leicht. Ein Mann, der Sentimentalität ganz offiziell ablehnte. „Noch ein Gedicht!“, pflegte er auf jede aufkommende zu sagen. Ein Mann, der hypotaktisch existierte. Der in unserer Beziehung einen Akkord von mitunter zorniger Cholerik (da war ich noch nicht sein Autor) bis hin zu, ja, geschwisterlicher Zartheit hingelegt hat. Nach mehr als einem Jahrzehnt der Bekanntschaft wagte ich, der Jüngere, ihm das Du anzubieten. Raimund Fellinger, der Lektor, der Spiritus Rector des Suhrkamp Verlags, die verkörperte Siegfried-Unseld-Epoche, der Chronist, der Alles-Wisser, was die Verlagsgeschichte betraf, der innerste Tresorraum des Verlags, geriet für einen Moment aus der Fassung an jenem Abend. Dann aber war er – stolz. Er war stolz und gerührt. Da war ich aus der Fassung.

          Kurze Charakteristik seines Lektorats. Die erste Maxime könnte man so ausdrücken: Der Text soll immer näher zu seinen eigenen Möglichkeiten kommen. Sozusagen noch dichter an seine eigene Sprache heran. Zweite Maxime: Es kann alles im Text falsch sein. Einmal retournierte er mir ein Romanmanuskript und sagte vorab am Telefon: Es kommt etwa 150 Mal das Verb „stehen“ vor. Ich: O Gott. Er: Ich erkläre dir, warum. Im ersten Teil des Romans geht es um ein Bücherzimmer. Da stehen Schränke, Stühle, Bücher, alles steht. Dann kommt ein Rockkonzert. Publikum steht, Menschen stehen, Musiker stehen. Dann schreibst du über ein Theaterstück, da steht auch alles auf der Bühne. Ich: Verdammt, Raimund, wie soll ich das jetzt noch ändern? Einen Tag später drückte er mir das Manuskript in die Hand, und es war wie ein gemachtes Bett. Ohne jeden Folgefehler hatte er Alternativen vorgeschlagen, die ich einfach nur noch übernehmen musste.

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