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Diogenes-Verleger Philipp Keel : Wir müssen von New Yorker Delis lernen!

„Das war schon ein verrücktes Leben, und es geht genauso weiter“: Philipp Keel, Jahrgang 1968, übernahm 2012 die verlegerische Leitung des Diogenes Verlags Bild: KEYSTONE

Diogenes ist der größte unabhängige Verlag für Belletristik in Europa. Wie Philipp Keel, junger Chef des Hauses, der Krise begegnen will, die auch hier zu spüren ist.

          5 Min.

          Als die Welt im September 2011 Abschied nahm von Daniel Keel, dem Orakel aus der Sprecherstraße, da war dies zugleich der größte Einschnitt für den Diogenes Verlag. Denn es war längst nicht ausgemacht, was mit dem Haus geschehen würde, das Daniel Keel im Jahr 1952 gegründet und im Laufe der Jahrzehnte zum größten Belletristik-Verlag Europas gemacht hatte. Kaum drei Jahre später zeigt sich an einem Nachmittag hoch über dem Zürichsee: Die Übergabe ist geglückt, was bei Familienunternehmen, zumal in der Verlagsbranche, keine Selbstverständlichkeit ist.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Philipp Keel hat die operative Verantwortung für Diogenes übernommen. Nun sitzt er im früheren Büro seines Vaters mit Blick ins Grüne. Die Bücherregale hinter dem großen Schreibtisch hat er durch eine helle Wand mit Fotos ersetzt.

          Bei einer Tasse Tee tut er das, was er seither jeden Tag tut: über Bücher, Autoren, den Verlag reden, mithin also über die Welt, in die er 1968 in Zürich als Sohn des Verlegerehepaars Anna und Daniel Keel hineingeboren wurde. Und vor der er als junger Mann Reißaus genommen hatte, als er nach Amerika ging und dort als Künstler reüssierte.

          Kindheit mit Loriot, Fellini und Dürrenmatt

          Die Rolle hat er angenommen, erzählt Philipp Keel, weil der Verlag immer „Teil seines Lebens“ war. Als nach dem Tod der Eltern er und sein Bruder Jakob, der heute Präsident des Aufsichtsrats ist, sich fragten, wie es mit Diogenes weitergehen würde, war eigenes Interesse das entscheidende Kriterium. Und natürlich, „ob ich das kann“. Wäre er bei der Antwort „zu sehr gestolpert“, sagt Keel heute, hätte er sich nicht darauf eingelassen.

          Mut zum Risiko bekam er im Elternhaus vorgelebt. „Das war schon ein verrücktes Leben - und genauso geht es weiter.“ Im Privathaus der Familie Keel, ein paar hundert Meter vom Verlag entfernt, schlug damals das heimliche Herz von Diogenes. Das war keine Villa, sondern ein schmales Reihenhaus, und die Kinderzimmer lagen direkt neben dem Wohnzimmer.

          Wenn abends Autoren zu Besuch kamen, wurde gemeinsam gegessen, viel diskutiert und noch mehr getrunken. „Niemand hatte Geld, aber alle hatten Ideen.“ Die künstlerische Elite Europas gab sich die Klinke in die Hand, Alfred Andersch kam vorbei, Loriot mit Sempé, Fellini, Friedrich Dürrenmatt.

          Patricia Highsmith sprach fast nie, Simenon war ein vollendeter Gentleman, und einmal biss Philipps Bruder Jakob Maurice Sendak so fest in die Hand, dass der Autor des Kinderbuchs „Wo die wilden Kerle wohnen“ lange nicht darüber hinwegkam.

          Philipp hatte damals nur selten das Gefühl, dass die Gäste den Söhnen die Eltern wegnahmen, häufiger war er von ihnen fasziniert. Man sucht es sich ja nicht aus, Künstler zu sein, „ich war es einfach“. Dass einige Gäste ihn, das Kind, wie ihresgleichen behandelten, hat Philipp Keel geprägt.

          „Wenn mir etwas begegnet, dann weiß ich, ob es gut ist“

          Sprechen, reden, sich Zeit nehmen. Was einfach klingt, hält der Verleger für ein Rezept für unsere Zeit, gemäß seiner Devise: „Simple doesn’t have to mean easy.“ Damit lasse sich auch die digitale Suchtphase bekämpfen, die unsere Welt ergriffen hat. Keel findet es „schrecklich, dass wir heutzutage unentwegt auf unsere Smartphones gaffen“.

          Soziale Netzwerke seien dumm. Einer der Autoren, den er kürzlich ins Programm geholt hat, der 1993 in Amerika geborene Stefan Bachmann, ist ihm daher auch in den klassischen Medien, in Zeitungen und Fernsehen, aufgefallen.

          Ob Bachmann, der in Zürich Orgel studiert, den Verleger womöglich daran erinnert hat, wer er selbst einmal war? Auch Keel hat am Berklee College in Boston Musik studiert, ehe er an die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen wechselte. Von Projektionen dieser Art will er nichts hören.

          Er hat Bachmann gesehen, reden gehört und gedacht: „Wenn er so schreibt, wie er erzählt, dann möchte ich sein Buch unbedingt machen. Wenn mir etwas begegnet, dann weiß ich, ob es gut ist oder schlecht.“

          Zürcher Gediegenheit

          Wenn es schlecht läuft, wird er kribbelig. Ungeduldig ist Keel immer schon gewesen. Warten gehört nicht zu seinen Tugenden, dabei ist er als Verleger gerade in dieser Disziplin besonders gefordert. Weil Büchermachen ein langfristiges Geschäft ist, Philipp Keel spricht heute mit Autoren über Ideen, die in vier oder fünf Jahren spruchreif sind, wenn überhaupt.

          Schließlich ist nicht jeder Schriftsteller so fleißig, gut organisiert und zuverlässig wie Martin Suter. Mit ihm ist Keel am Abend verabredet. Der Schweizer mit Wohnsitz Ibiza hat eine Veranstaltung im „Kaufleuten“. Fünfhundert Gäste unterhält der Bestsellerautor auch mit schwerer Grippe mühelos mit Auskünften über sein nächstes Buch, sein Arbeitspensum und warum er vom Glauben abgefallen ist.

          Die Sehnsucht des Schweizers nach dem Meer drückt sich in seiner Kunst aus: Philipp Keels Fotoarbeit „Reflection of Palm Trees“ entstand 2007 Bilderstrecke
          Die Sehnsucht des Schweizers nach dem Meer drückt sich in seiner Kunst aus: Philipp Keels Fotoarbeit „Reflection of Palm Trees“ entstand 2007 :

          Noch vor dem Auftritt lädt Keel ihn ins nahe gelegene „James Joyce“ ein. Das Lokal mit der historisch irischen Inneneinrichtung strahlt genau die Zürcher Gediegenheit aus, die Suter in seinen Romanen so gekonnt schildert. Um die beiden schwirrt ein Kameramann des Schweizer Fernsehens, der Philipp Keel seit Tagen wegen eines Porträts auf den Fersen ist. Der Verleger holt kurz Luft und bestellt an der Bar Champagner auf Eis.

          Visuell begabter Minimalist

          Dass es ihm auch als Verleger noch gelingt, selbst künstlerisch zu arbeiten, und das derart produktiv, dass gerade mehrere Ausstellungen mit seinen Werken laufen, kann er selbst kaum glauben. Für den Künstler, dessen fotografisches OEuvre seit Jahren in vielen Galerien ausgestellt wird und der unter anderem den schönen Schwarzweißfotoband „Look at me“ veröffentlicht hat, war das keineswegs selbstverständlich. Sein Atelier liegt in der Nähe des Verlags, und abends und am Wochenende nimmt er sich eine Auszeit von den Büchern der anderen und stellt sich vor die eigene Leinwand.

          Für andere Künstler zu denken macht ihm inzwischen fast mehr Freude, als über eigene künstlerische Fragen zu brüten. Der Verlag hat schon vielfach von seiner visuellen Begabung profitiert. Nicht nur bei der Einführung der ikonischen weißen Buchumschläge bei Diogenes. Als er dem Vater Anfang der neunziger Jahre dazu riet, ging es ihm einmal mehr darum, die Dinge einfach zu halten.

          Zwar sagte Daniel Keel damals zu seinem Sohn, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern, doch einige Zeit später waren die weißen Umschläge da. Bis heute sind sie Markenzeichen für die legendäre D-Literatur, die anspruchsvoll, aber durchaus lesbar daherkommt und sich um den alten Zwist zwischen E und U nicht schert.

          Kuratorische Mission

          Zwar gab es auch zu Zeiten von Daniel Keel und seinem Kompagnon Rudolf C. Bettschart, der auch heute noch jeden Tag in den Verlag kommt, Krisen, und das Haus stand ein paarmal am Rand des Abgrunds. Doch war die Aufgabe von Verlagen klar umrissen: Sie waren eine Art Filter für Qualität. Verlage entdeckten einen Autor, brachten sein Buch heraus und bekamen für diese Entscheidungen etwas Aufmerksamkeit und Geld. „Das ist unser Metier, so wie Paare kochen, heiraten und Kinder kriegen“, sagt Keel.

          In Zeiten des Self-Publishing kann heute jeder sein eigener Verlag sein, man braucht nichts weiter dazu als einen Computer. Daraus entsteht eine Flut von publizierten Texten. Wie es überhaupt von allem zu viel gebe, wie Keel findet, zu viele Hotelzimmer, zu viele Turnschuhe, zu viel Shampoo. Zwar könnte das Buch davon auch profitieren. Weil der Überdruss an der virtuellen Welt, die alles kaputt mache, zu einer neuen Sehnsucht nach Klassischem führe. Damit allein aber lässt sich kein Verlag finanzieren.

          Geschichten, zubereitet als Filme, Apps und eBooks

          Selbst ein Haus wie Diogenes mit einer Gesamtauflage von fast 200 Millionen Exemplaren durchlebt derzeit harte Zeiten. „Aber wenn man darüber spricht, wie schwierig es ist, wird es auch nicht besser“, sagt Keel. Man müsse sich Gedanken über neue Absatzmöglichkeiten machen. E-Books sind inzwischen selbstverständlich. Soll er verstärkt auf Filmrechte setzen? Apps aus Kinderbüchern entwickeln? Sogar Sachbücher schließt Philipp Keel nicht mehr aus, sofern sie zum Haus passen.

          Überzeugt ist er, dass Verlage ihre Vorbilder in anderen Branchen suchen sollten. Von New Yorker Delis könne man zum Beispiel lernen: „Da bekommen Sie Eier in jeder erdenklichen Form. Oder nehmen Sie die Auswahl bei Burgern. Sie können sie in jeder Variante haben, mit Käse, Zwiebeln oder Tomaten, aber es bleibt immer ein Burger.“

          Übersetzt auf die Verlagsbranche hieße das: „Wenn Sie einen Autor von uns mögen, wenn Sie eine Geschichte von uns lesen wollen, dann sollen Sie das in jeder beliebigen Form bekommen. So sehe ich den Verlag der Zukunft.“

          Inspiration durch Amerika

          Dass Philipp Keel so hartnäckig wie originell sein kann, hat er längst bewiesen, etwa mit seinen hintergründig-witzigen „All about me“-Büchern, die sich weltweit mehr als drei Millionen Mal verkauft haben. Und dass er eine Nase für Bestseller hat, auch das hat sich herumgesprochen, seit er seinem Vater einst zu einem gewissen Paulo Coelho riet, von dem ihm amerikanische Freunde erzählt hatten. Mehr als elf Millionen Titel hat Diogenes von ihm inzwischen verkauft.

          Nach Amerika war Philipp Keel gegangen, um zu lernen, wie es ist, nicht der Sohn von Anna und Daniel Keel zu sein. Für den jungen Schweizer wurde diese Flucht zu einer ganz neuen Erfahrung von Freiheit. Nun ist er zurück in Zürich. Er vermisst nicht viel an Amerika, außer vielleicht Palmen und das Meer, das auf ihn schon immer beruhigend gewirkt habe. Weil Zürich nicht am Meer liegt, lässt er es nun auf seinen Bildern entstehen.

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