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Diogenes-Verleger Philipp Keel : Wir müssen von New Yorker Delis lernen!

Soziale Netzwerke seien dumm. Einer der Autoren, den er kürzlich ins Programm geholt hat, der 1993 in Amerika geborene Stefan Bachmann, ist ihm daher auch in den klassischen Medien, in Zeitungen und Fernsehen, aufgefallen.

Ob Bachmann, der in Zürich Orgel studiert, den Verleger womöglich daran erinnert hat, wer er selbst einmal war? Auch Keel hat am Berklee College in Boston Musik studiert, ehe er an die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen wechselte. Von Projektionen dieser Art will er nichts hören.

Er hat Bachmann gesehen, reden gehört und gedacht: „Wenn er so schreibt, wie er erzählt, dann möchte ich sein Buch unbedingt machen. Wenn mir etwas begegnet, dann weiß ich, ob es gut ist oder schlecht.“

Zürcher Gediegenheit

Wenn es schlecht läuft, wird er kribbelig. Ungeduldig ist Keel immer schon gewesen. Warten gehört nicht zu seinen Tugenden, dabei ist er als Verleger gerade in dieser Disziplin besonders gefordert. Weil Büchermachen ein langfristiges Geschäft ist, Philipp Keel spricht heute mit Autoren über Ideen, die in vier oder fünf Jahren spruchreif sind, wenn überhaupt.

Schließlich ist nicht jeder Schriftsteller so fleißig, gut organisiert und zuverlässig wie Martin Suter. Mit ihm ist Keel am Abend verabredet. Der Schweizer mit Wohnsitz Ibiza hat eine Veranstaltung im „Kaufleuten“. Fünfhundert Gäste unterhält der Bestsellerautor auch mit schwerer Grippe mühelos mit Auskünften über sein nächstes Buch, sein Arbeitspensum und warum er vom Glauben abgefallen ist.

Die Sehnsucht des Schweizers nach dem Meer drückt sich in seiner Kunst aus: Philipp Keels Fotoarbeit „Reflection of Palm Trees“ entstand 2007 Bilderstrecke

Noch vor dem Auftritt lädt Keel ihn ins nahe gelegene „James Joyce“ ein. Das Lokal mit der historisch irischen Inneneinrichtung strahlt genau die Zürcher Gediegenheit aus, die Suter in seinen Romanen so gekonnt schildert. Um die beiden schwirrt ein Kameramann des Schweizer Fernsehens, der Philipp Keel seit Tagen wegen eines Porträts auf den Fersen ist. Der Verleger holt kurz Luft und bestellt an der Bar Champagner auf Eis.

Visuell begabter Minimalist

Dass es ihm auch als Verleger noch gelingt, selbst künstlerisch zu arbeiten, und das derart produktiv, dass gerade mehrere Ausstellungen mit seinen Werken laufen, kann er selbst kaum glauben. Für den Künstler, dessen fotografisches OEuvre seit Jahren in vielen Galerien ausgestellt wird und der unter anderem den schönen Schwarzweißfotoband „Look at me“ veröffentlicht hat, war das keineswegs selbstverständlich. Sein Atelier liegt in der Nähe des Verlags, und abends und am Wochenende nimmt er sich eine Auszeit von den Büchern der anderen und stellt sich vor die eigene Leinwand.

Für andere Künstler zu denken macht ihm inzwischen fast mehr Freude, als über eigene künstlerische Fragen zu brüten. Der Verlag hat schon vielfach von seiner visuellen Begabung profitiert. Nicht nur bei der Einführung der ikonischen weißen Buchumschläge bei Diogenes. Als er dem Vater Anfang der neunziger Jahre dazu riet, ging es ihm einmal mehr darum, die Dinge einfach zu halten.

Zwar sagte Daniel Keel damals zu seinem Sohn, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern, doch einige Zeit später waren die weißen Umschläge da. Bis heute sind sie Markenzeichen für die legendäre D-Literatur, die anspruchsvoll, aber durchaus lesbar daherkommt und sich um den alten Zwist zwischen E und U nicht schert.

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