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Bibliothek der Zukunft : Und wo sind hier die Bücher?

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Eine Formulierung mit Signalfunktion

Die dänische Bibliotheksbewegung hat mittlerweile eine Strahlkraft gewonnen. In Schleswig-Holstein etwa nehmen sich viele Bibliotheken das „dänische Modell“ zum Vorbild, präsentieren ein breites digitales Angebot, organisieren Events und wandeln Ruhezonen in interaktive Spielecken um. Und doch steht das Buch hier immer noch im Mittelpunkt. Gerade hat etwa die Stadtbibliothek Flensburg in einer gewaltigen Kraftanstrengung einen neuen Bücherbus finanziert, der die Lesegrundversorgung auf dem Land sichert. Auch Extrafahrten zu Flüchtlingsheimen soll es geben. In Schleswig-Holstein kämpft der lokale Bibliotheksverband aktuell auch um ein Bibliotheksgesetz, das der SSW, die Partei der dänischen Minderheit, in den Kulturausschuss eingebracht hat. Als erstes Bundesland soll danach Schleswig-Holstein das Betreiben von Bibliotheken nach dem dänischen Vorbild zur „kommunalen Pflichtaufgabe“ machen, was bedeuten würde, dass die Politik, die immer nach Kürzungsmöglichkeiten sucht, bei den öffentlichen Bibliotheken den Rotstift aus der Hand fallen lassen müsste. Besonders vielversprechend sieht die Lage für die Gesetzesbefürworter im Moment allerdings nicht aus. Dabei hatte schon 2007 eine Enquetekommission allen Bundesländern empfohlen, öffentliche Bibliotheken per Gesetz zu einer „Pflichtaufgabe“ zu machen. Seitdem haben vier Bundesländer ein Bibliotheksgesetz erlassen, die Bezeichnung „Pflichtaufgabe“ kommt nirgendwo vor. Gerade angesichts einer immer noch vierzehnprozentigen Analphabetenquote in Deutschland wäre aber genau diese Formulierung ein wichtiges Signal, um die Bibliothek auf die bildungspolitische Tagesordnung zu setzen. Stattdessen geriet etwa der Stiftungsrat der Berliner Landesbibliotheken vor kurzem mit dem Vorschlag in die Schlagzeilen, den Büchereinkauf an einen zentralen „Bibliotheksdienstleister“ auszulagern und jedes Buch, das seit zwei Jahren nicht mehr ausgeliehen wurde, zu vernichten.

Der Blick nach Dänemark wirft die Frage auf, in was für einer Bibliothekslandschaft wir eigentlich leben wollen, was der Ort Bibliothek unserer Gesellschaft noch bedeutet. Sollen die öffentlichen Bibliotheken auch bei uns immer mehr „eventisiert“ werden und die Entdeckung von und die Auseinandersetzung mit Literatur allein den Besuchern von Universitätsbibliotheken und damit einer ohnehin schon gebildeten Elite vorbehalten werden? Will man die Stadtteilbibliothek wirklich zu einer Art Servicestation machen, die Ausweise verlängert und über Zahnhygiene informiert? Wie sinnvoll ist es, sich aufs digitale Ausleihgeschäft zu konzentrieren, wenn Spotify und Amazon Prime ja schon jetzt ein unendliches Sortiment elektronischer Medien ohne Mahngebühren und Öffnungszeiten zum Verleih anbieten?

Das Geheimnis bewahren

Müsste nicht die Bibliothek der Zukunft ein Ort sein, der sich selbstbewusst von anderen unterscheidet, der darauf vertraut, dass die unmittelbare Begegnung mit dem gedruckten Buch (nicht nur, aber besonders) für Kinder gerade dadurch wieder ein Erlebnis wird, weil sonst schon so viel hinter dem allgegenwärtigen Display passiert? Wie viele Aufsteigerkarrieren haben schon in der Stadtbibliothek begonnen, wie viele Kinder aus bildungsfernen Haushalten haben hier Blut geleckt, angefangen, mehr wissen, mehr lesen zu wollen?

Natürlich macht das Internet das heute alles bequemer, schneller, einfacher. Aber eben auch unsinnlicher, unkonzentrierter, unübersichtlicher. Die Bibliothek bietet dagegen einen abgegrenzten Wissensraum. Man kann ihn bespielen, öffnen, divers machen. So hip wie in vergangenen Tagen wird die Bibliothek nie wieder werden. Ihre eigentümliche Anziehung wird sie aber dann behaupten, wenn sie neben aller Öffnung, allem lauten Gespräch auch ihr Geheimnis bewahrt. Für diesen einen dunklen Winterabend, an dem der Gang an einem langen Bücherregal entlang und der zufällige Griff hinein alles für immer verändern könnte. Die Öffnungszeiten allerdings müssten dafür verlängert werden.

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