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Bibliothek der Zukunft : Und wo sind hier die Bücher?

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Die Distanzierung des wortgewandten Managers vom ureigentlichen Gegenstand des Bibliothekars, dem Buch, erinnert an die Arroganz eines Politikers, der sich von seinen eigenen Parteigenossen distanziert, weil sie zu rückständig seien. Und doch verdeckt solche Arroganz im Grunde ja nur die Unsicherheit darüber, ob der proklamierte Richtungswechsel wirklich zukunftweisend ist. Ob also – in Schulz’ Fall – mit der radikalen Umwandlung der Bibliothek von einer Bildungsinstitution hin zu einem flexiblen Kultur- und Veranstaltungsort, an dem viel Kommunikation und wenig Kontemplation stattfindet, wirklich ein vielversprechender Weg eingeschlagen wurde oder ob hier am Ende nicht einfach das Etikett „Bibliothek“ auf ein anderes Produkt (Volkshochschule oder Kulturverein) geklebt wird und sich die Bibliothek als eigenständige Institution so selbst abschafft.

Macht Platz für die Familien!

Eindeutig ist jedenfalls, dass der deutliche Anstieg der Besucherzahlen nicht mit einer Erhöhung der Ausleihzahlen gleichzusetzen ist. Die Menschen, die zu Dokk1 kommen, um ihren Pass erneuern zu lassen oder ihr iPhone zu reparieren, leihen keine Bücher aus. Warum sollten sie auch? Die Bücher werden hier ja mehr versteckt als präsentiert, nur nebenbei erwähnt, verschämt, so wie aus dem Sortiment gefallene Ware.

Die größte öffentliche Bibliothek Skandinaviens: Skizzierte Luftansicht des Dokk1 Bilderstrecke
Die größte öffentliche Bibliothek Skandinaviens: Skizzierte Luftansicht des Dokk1 :

Das „dänische Modell“ der Bibliothekstransformation und die damit einhergehende Redefinition ihrer Rolle als ein „community center“ werden theoretisch vor allem durch eine Studie des dänischen Autorenkollektivs Hvenegaard, Jochumsen und Skot-Hansen untermauert, das Schulz bei jeder Gelegenheit zitiert und das etwas grobschlächtig den Paradigmenwechsel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft mit der Umwandlung der Bibliothek von einer Ausleihstation zum sozialen Servicebereich gleichsetzt. Das letzte Buch von Peter Burke über die „Explosion des Wissens“ und Möglichkeiten seiner Speicherung und Verbreitung durch eine moderne bibliothekarische Infrastruktur böte da eine gewinnbringende Zusatzlektüre. Aber im „dänischen Modell“ ist die Bibliothek ja eben gerade kein Hort des kulturellen Gedächtnisses mehr. Jedes Buch, das zwei Jahre lang nicht ausgeliehen worden sei, werde ausgesondert, erklärt Manager Schulz, man wolle schließlich kein „Museum“ sein und könne den freiwerdenden Platz gut für Familienaktivitäten brauchen.

Zeitgemäße Bibliothekare lesen nicht

So redet heute der Leiter einer europäischen „Avantgarde-Bibliothek“. Natürlich provoziert er absichtlich und gefällt sich in der Rolle des radikalen Neuerers, aber im Kern stellt sein Konzept in der Tat einen drastischen Widerspruch zur traditionellen Rolle von Bibliotheken dar – und auch zum bisherigen Berufsbild der Bibliothekare. Denn während diese bisher mitunter noch den Typus des introvertierten Enzyklopädisten verkörpern durften, der in der Literaturgeschichte wohnte wie andere in Einfamilienhäusern, braucht es im „community center“ von Knud Schulz ganz andere Charaktere. Nämlich kommunikative Organisatoren mit sozialen und technischen Kompetenzen, die sich als flexible Dienstleister verstehen. Leseleidenschaft jedenfalls ist dabei keine Berufsvoraussetzung mehr.

Fast alle öffentlichen Bibliotheken Dänemarks haben sich offenbar ohne besondere Sentimentalität von ihrem traditionellen Rollenbild verabschiedet und auf die hastige Suche nach einer neuen, „zeitgemäßen“ Identität begeben, um attraktiv zu bleiben. Sie verleihen immer mehr digitale Medien, kooperieren mit lokalen Vereinen und versuchen über soziale Netzwerke auf sich aufmerksam zu machen.

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