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Bestseller „MontanaBlack“ : Straight Outta Buxtehude

  • -Aktualisiert am

Monitore wie ein Aktienhändler: Der Youtuber Marcel Eris arbeitet höchst professionell. Bild: dpa

Wahrlich, wir leben in aufregenden Zeiten: „MontanaBlack“, die Autobiographie des Youtubers Marcel Eris, ist ein Bestseller. Ist das ein Grund, in Kulturpessimismus zu verfallen?

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          Immerhin lesen die jungen Leute: Wochenlang stand „MontanaBlack“ auf dem ersten Platz der Bestsellerliste, die Autobiographie des gleichnamigen Youtubers, bürgerlich Marcel Eris, geboren 1988 in Buxtehude. Eine Autobiographie?, werden Sie jetzt wimmern, und kurz nachrechnen, dass der Autor einunddreißig Jahre alt ist, und sich eventuell fragen, ob man eigentlich irgendwas über Buxtehude wissen muss (nahe Hamburg, knapp 40.000 Einwohner, das reicht). Aber auch in Buxtehude ist ein Leben voller Abgründe möglich, das man anschließend vom Riva Verlag zwischen zwei Buchdeckel pressen (jawohl, die jungen Leute lesen das im Hardcover) und für 19,99 Euro verkaufen lassen kann.

          Marcel Eris hat sich dafür Unterstützung vom Journalisten Dennis Sand geholt. Aber er ist es ohnehin gewohnt, von sich selbst zu erzählen: Er fing zwar auf Youtube mit Let’s Plays an, also kommentierten Aufnahmen, auf denen man jemanden beim mehr oder minder professionellen Durchzocken von Videospielen zusehen kann. Aber dann stellte er sich selbst mehr in den Mittelpunkt und erzählte unter anderem die Geschichte, die das Buch ausformuliert. Wie er mit Kiffen anfing, irgendwann vom Koks nicht mehr loskam und alle beklaute, sogar seine eigenen Großeltern, um an Drogen zu kommen. Wie er konstant Bier trank und dachte, das könnte ihm nicht so sehr schaden. Wie er Entgiftungen durchmachte, wie er seine Ausbilder an den Rand des Wahnsinns trieb, wie seine Großeltern ihm schließlich verziehen. Und ja, auch das: Wie er immer wieder am Ende war und weinte. Es wird überhaupt viel geweint in „MontanaBlack“. Diese Autobiographie ist vielleicht nicht das „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ der Millennials, aber doch eine kurzweilig zu lesende, authentische Warnung vor Drogenkonsum.

          Ihre Düsternis und Selbstreflexion stehen in interessantem Kontrast zu dem lässigen Gewinnertyp, als der Marcel Eris sich derzeit auf Youtube präsentiert (sein Lamborghini, seine Werbemittel, seine neuen Eigentumswohnungen). Wer sich fragt, warum das Buch eine so große Leserschaft erreicht, und nach der Lektüre zur Weiterbildung den Youtube-Kanal besucht, fällt jedenfalls direkt ins nächste kulturpessimistische Tief. Das Phänomen der Ego-Youtuber (Wer schaut das? Und warum bloß?) entzweit nach wie vor Generationen, und Bücher können es nicht aufklären, auch dieses nicht. Aber man sollte nicht vergessen, dass das Unverständnis auf Gegenseitigkeit beruht: Die meisten Teenager sind einfach nur zu höflich, um ihren Eltern mitzuteilen, dass sie ihre Leidenschaft für die Rolling Stones, Monty Python und Pieter Bruegel den Älteren für mehr als absonderlich halten. Höfliches Desinteresse – eine Kulturtechnik, die jeder beherrschen sollte. Hoffentlich gibt es bald ein Youtube-Tutorial dazu.

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