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Wichtigste Romane des Herbstes : Welchem Buch die Stunde schlägt

Ritualisierte Prügeleien

Ransmayr betont allerdings in einer als Postskript beigegebenen Erläuterung: „Die Gestalten dieses Romans sind keine Gestalten unserer Tage.“ Das stimmt, weil große Literatur denselben Anspruch hat wie das Uhrwerk von Cox: zeitlos zu sein. Doch es verhält sich mit der zeitlosen Weltliteratur genauso wie mit der zeitlosen Uhr – dass sie zu jeder Zeit Gültigkeit besitzt, macht ihre Zeitlosigkeit aus, nicht der Verzicht auf Zeitbezug. Cox erfährt es selbst: „Er empfand, dass dieser eine Augenblick im Angesicht des Kaisers und seiner Geliebten keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und Ende war, um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen...“ Der Roman „Cox“ verschiebt die Grenzen des Literarischen, indem er Grenzen fallen lässt, die uns bislang vom achtzehnten Jahrhundert trennten.

In kleinerem Maßstab, weil in der Gegenwart angesiedelt, ist auch „Hool“ so ein Grenz- und Grenzenfall, der Debütroman von Philipp Winkler (Aufbau Verlag, 19. September). Die im Präsens gehaltene Prosa des dreißigjährigen in Leipzig lebenden Schriftstellers bietet jene Unmittelbarkeit, die das Buch uns realiter erspart. Sein Ich-Erzähler Heiko ist in den Zwanzigern und Teil der Hannoveraner Hooligan-Szene. Nach festen Verabredungen trifft man sich mit gleichgesinnten, vulgo gewaltfreudigen Anhängern anderer Fußballclubs abseits des Stadions vor einem Spiel oder besser noch währenddessen (weil die Polizei dann abgelenkt ist), um zu „matchen“. Die Zahl der Teilnehmer ist bei diesen Schlachten ebenso festgelegt wie die erlaubten Hilfsmittel. Doch außerhalb der ritualisierten Prügeleien toben interne wie externe Konkurrenzkämpfe, bei denen keine Regeln beachtet werden.

Ein kompromissloser Roman

„Hool“ ist aber noch mehr als ein gespenstisch intensiver Einblick in eine sonst hermetisch verschlossene Welt, es ist auch das Soziogramm eines jungen Erwachsenen, der nichts hat außer der Gewalt. Seine Mitstreiter springen nach und nach ab, begründen Familien und Karrieren, während sich Heiko immer tiefer in die Abgründe der Szene begibt, weil er von einem Ideal nicht lassen will, das ihn als Letztes noch mit einer Zeit verbindet, die unschuldig genannt werden konnte und doch den Keim zur Schuld schon legte. Hier rutscht Heiko erzählend ins Präteritum: „Ich weiß noch genau, wie mich mein Vater ins Schlafzimmer rief. Wie er seine geliebte Weste vom Kleiderhaken nahm, sich überstreifte und ganz glücklich und zufrieden dreinschaute.

Dann bückte er sich runter zu mir, hielt mich fest und tippte mit dem Finger gegen einen der vielen Aufnäher. Auf die fette schwarze 96. Und er sagte: ,Das is’ noch was, du. 96. Ja, Heiko. Das is’ noch was.‘“ Am Schluss also wieder Gegenwart: Dass Heikos Welt ein Teil der unseren ist, dass es nur einer oder zweier Schritte über bestimmte Schwellen bedarf, um ein Terrain zu betreten, auf dem andere Regeln und Werte gelten, darum geht es in diesem kompromisslosen Roman.

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