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Indische Literatur : Im größten Vielsprachenland

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Genug Bücher für alle – aber können sie die auch alle lesen? Stand auf der Buchmesse New Delhi, Januar 2021 Bild: Getty

Indien hat eine unüberblickbare Sprachvielfalt. Eine neue Kultur des Übersetzens könnte helfen, das zerrissene Land zu einigen: Mini Krishnans Einsatz für die Vermittlung von Literatur.

          7 Min.

          Indien ist mit Vielsprachigkeit geschlagen. Zu 22 staatlich anerkannten und geförderten Sprachen kommen Hunderte von Dialekten und Dutzende von Stammessprachen, viele von ihnen auf oraler Tradition beruhend, deren Schätze bisher kaum gehoben sind. Spricht man von der „indischen Kultur“, meint man auch dieses unüberblickbare Sprachengewimmel. Keine dieser Sprachen ist dominant, keine Ursprache auszumachen, auf die sämtliche Sprachen und Dialekte zurückzuführen wären. In Nordindien herrscht das Hindi vor, doch wird es vor allem in Südindien erbittert befehdet, sobald es die Regierung zur offiziellen gesamtindischen Verkehrssprache erheben will.

          Denn die Sprachen der vier südindischen Bundesländer besitzen wenig Ähnlichkeit mit Hindi. Darum muss, oft mit knirschendem Unmut, das Englische zur allgemeinen Verständigung, neben dem Hindi, herhalten. Politisch geht die Auseinandersetzung über die Dominanz und den Nutzen der Sprachen so weit, dass über sie Regionalregierungen stürzen und Koalitionen geschmiedet werden. Erinnern wir uns, dass sich Ostpakistan von Westpakistan – beides frühere Bestandteile des britischen Kaiserreichs Indien – unter blutigen Kämpfen abspaltete und ein eigenes Land, nämlich Bangladesh, wurde, weil der Osten Bengalisch spricht und sich nicht das westliche Urdu aufoktroyieren lassen wollte.

          Englisch wird politisch immer noch als Sprache der ehemaligen Kolonialmacht geschmäht, aber seine Vorteile als jene Sprache, mit der man sich global vernetzt, auch als die Sprache, die die sich ausweitende lukrative IT-Branche regiert, sieht jeder Studierende ein. Der allgemeine Drang, in den Vereinigten Staaten oder Europa zu studieren, lässt sich ohne gründliche Englischkenntnisse nicht befriedigen. Die Tendenz zum Englischen verstärkt sich in Städten, in denen private Schulen Englisch als Unterrichtssprache anbieten. Schon Kinder im Grundschulalter sollen, noch bevor sie ihre Muttersprache vollständig beherrschen, Englisch lernen, damit sie später am Arbeitsmarkt eine Chance haben. Es geht nicht eigentlich um die Sprache, sondern um das Erlernen eines Instruments, mit dem sie später einen Job bekommen.

          Dreisprachige Schule

          Dem steht gegenüber, dass die Regierung die Bedeutung der Muttersprache betont. Die im letzten Jahr formulierte National Education Policy (eine landesweite Bildungsstrategie) sieht ein Drei-Sprachen-Schema vor. Die Muttersprache oder die dominante Regionalsprache soll bis zum fünften Schuljahr Unterrichtssprache sein. Danach kommen Hindi und Englisch. Durch die bewusste Förderung des Hindi hat dessen Kenntnis in der Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren um 6,5 Prozent zugenommen, während andere Regionalsprachen, etwa Bengalisch und Marathi, verloren haben. Hindi ist, auf niedrigem Niveau, populär, weil es die Sprache der Bollywood-Filme ist, die sich im gesamten Norden äußerster Beliebtheit erfreuen. Dagegen haben es die lokalen Sprachen Nordindiens, etwa Marathi, Gujarati und Bengalisch, im Filmgeschäft schwer.

          Zwar sind nach der politischen Unabhängigkeit die Bundesländer entsprechend der Sprachgrenzen eingeteilt worden – wieder ein Indiz für die Bedeutung der Sprache –, doch die Mobilität einer Bevölkerung, deren untere Schichten auf der Suche nach einem Einkommen massenweise aus ihren Dörfern in die Städte und von Norden nach Süden wandern, schafft Sprachinseln besonders innerhalb der Metropolen. Will sich jemand in Kalkutta mit Taxifahrern verständigen, der muss Hindi sprechen, weil die Fahrer durchweg aus Bihar stammen und es nicht für notwendig halten, die Sprache der Umgebung zu beherrschen.

          So notwendig Englisch und Hindi als Zweitsprachen sind, die jeweilige Muttersprache konstituiert einen wesentlichen Teil der Identität, gerade weil Indien sprachlich so zersplittert ist und gebildete Inder, um sich landesweit verständigen zu können, multilingual aufwachsen müssen. Die Landbevölkerung hat kaum eine Chance, über ihre Muttersprache hinauszukommen. Das ist ein wesentliches Element ihrer Rückständigkeit.

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